Geb. 1921 in Radomsko, studierte Kunstgeschichte an der Jagielleonen-Universität, seit Ende der vierziger Jahre eng mit Schlesien verbunden, wohnt seit 30 Jahren in Wroclaw. Dichter, Dramatiker und Prosaschriftsteller. Er ist der Vielseitigste unter den polnischen lebenden Literaten, seine Werke gehören zur Weltliteratur.
Er wäre der verdienteste und geeignetste Kandidat für den Literatur-Nobelpreis. Zahlreiche Übersetzungen in viele Sprachen (u.a. englisch, französisch, deutsch, serbisch, serbokroatisch, schwedisch, dänisch, finnisch) haben ihn weltberühmt gemacht. Er wurde mit vielen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet und wird in vielen Ländern, besonders denen des Balkans, als ein Dichter mit großer moralischer Autorität verehrt.
Der Vorläufer der Avantgarde in Poesie und Drama und große Neuerer ist stark in der ständig umgedeuteten romantischen Tradition verwurzelt, er ist unabhängig, und hält sich - trotz Druck von der öffentlichen Meinung - aus der Politik heraus. Er ist ein großer Einzelgänger, der von seiner künstlerischen Mission überzeugt ist, die er als Zustand der inneren Konzentration, Aufnahmebereitschaft und ethischer Sensibilität begreift.
Auf die Frage, ob es nach Auschwitz möglich sei, ein Gedicht zu schreiben, antwortete er auf seine Art, indem er einen neuen Gedichttypus schuf, den er das vierte versifizierte System des literarischen Polnisch nennt (
Niepokoj / Unruhe 1947;
Czerwona rekawiczka / Der rote Handschuh, 1948). Er hat sich nie mit den Konsequenzen des Kriegs abgefunden (u.a. in seinem erschütternden Band mit Erinnerungen an seinen von der Gestapo ermordeten Bruder,
Nasz starszy brat / Unser älterer Bruder 1992, in den Erzählungen, die seit den fünfziger Jahren entstanden sind, sowie in den in verschiedenen Sammlungen erschienenen Prosatexten, und er verfolgt aufmerksam die gegenwärtigen Erscheinungsformen menschlicher Grausamkeit. Er hat eine aufsehenerregende Bewegung in der polnischen Literatur ins Leben gerufen, die ihren Blick auf ein Dasein richtet, das sich existentielle Mühsal, als Kampf mit dem Nichts versteht. (
Rozmowa z ksieciem / Das Gespräch mit dem Pfarer1960;
Glos Anonima / Die anonyme Stimme 1961;
Nic w plaszczu Prospera / Das Nichts in Prosperos Mantel, 1962;
Twarz / Das Gesicht 1964;
Twarz trzecia / Das dritte Gesicht, 1968). Rozewicz ist ein Sucher nach neuen poetischen Ausdrucksformen, er strebt weg von der Avantgarde hin zu einer asketischen Schlichtheit, zu einer beeindruckenden Kürze, die auch eine Metapher menschlichen Lebens ist: Eingeschlossen zwischen dem Akt des Geborenwerdens und dem Akt des Sterbens. "Ja, das ist schon alles" - lautet die Pointe in einem seiner Gedichte, worin er die Brüchigkeit der Existenz beschreibt.
Er hat das Theater im gleichen Maße revolutioniert wie Beckett oder Ionesco, ist fasziniert von einem sogenannten "offenen" Theater und von szenischen Ausdrucksformen der inneren Unrast des Menschen von heute. (
Kartoteka / Die Kartothek, 1968;
Stara kobieta wysiaduje / Eine alte Frau brütet, 1969;
Na czworakach / Auf allen Vieren, 1972;
Kartoteka rozrzucona / Die verstreute Kartothek, 1997). Rozewicz verfügt über ein außergewöhnliches Gespür, das den in der Kunst auftretenden Phänomenen wie dem Feminismus oder dem Postmodernismus zuvorkommt (
Biale malzenstwo / Weiße Ehe, 1975). Seit einigen Jahren ist es ruhiger um ihn geworden, doch er ist nur scheinbar weniger aktiv, denn er arbeitet an einer Art poetischer Autobiographie, d.h. einer Form, die ein nichtendendes Beschreiben erlaubt, ein Überschreiten der Grenzen zwischen Leben und Kunst, einen Kommentar, der die ganze Existenz betrifft. Gleichzeitig ist er überzeugt davon, dass ein solcher Kommentar nicht möglich ist, das die Poesie der Raum dessen ist, was nicht in Worte zu fassen ist. Różewicz selbst lässt sich nicht definieren. Er ist ein Dichter, der verstört, der sich der Stille und dem Schweigen zugewandt und alle dichterischen Requisiten von sich geworfen hat, man möchte fast sagen: ein mystischer Dichter.
Aber ebenso ist er der Klassiker der Avantgarde, Vorläufer des Postmoderne, Entdecker der inneren Erlebens, der Dichter des langen Lebens, das ihm den Weg zum Geheimnis geöffnet hat. 2000 gewann er den Nike-Preis.
Ausgewählte Bibliografie:
- Niepokoj / Unruhe, 1947
- Czerwona rekawiczka / Der rote Handschuh, 1948
- Nasz starszy brat / Unser älterer Bruder, 1992
- Rozmowa z ksiedzem / Gespräch mit dem Pfarrer, 1960
- Glos Anonima / Die anonyme Stimme, 1961
- Nic w plaszczu Prospera / Nichts in Prosperos Mantel, 1962
- Twarz / Das Gesicht, 1964
- Twarz trzecia / Das dritte Gesicht 1968
- Kartoteka / Die Kartothek, 1968
Stara kobieta wysiaduje / Eine alte Frau brütet, 1969
- Na czworakach / Auf allen Vieren, 1972
- Biale malzenstwo / Weiße Ehe, 1975
- Pulapka / Die Falle, Warschau: Czytelnik, 1982
- Plaskorzezba / Das Relief, Wroclaw: Wydawnictwo Dolnoslaskie, 1991
- Zawsze fragment / Immer Fragment, Wroclaw: Wydawnictwo Dolnoslaskie, 1996
- Kartoteka rozrzucona / Die verstreute Kartothek, Krakau: WL, 1997
- Zawsze fragment. Recycling, Wroclaw: Wydawnictwo Dolnoslaskie, 1998
- Matka odchodzi, Wroclaw: Wydawnictwo Dolnoslsskie, 1999
- Nozyk profesora, Wroclaw: Wydawnictwo Dolnoslaskie, 2001
Übersetzungen:
- englisch: The card index, & other plays. London: Calder & Boyars, 1969; Faces of anxiety: poems. London: Rapp & Whiting, 1969; The witnesses, & other plays. London: Calder & Boyars, 1970; "The survivor" and other poems. Princeton, N.J. : Princeton University Press, 1976; Conversation with the prince : and other poems. London : Anvil Press Poetry, 1982; Mariage Blanc and The hunger artist departs : two plays. London - New York: Marion Boyars, 1983; Forms in relief; and other works. New York: Legas, 1994; Reading the apocalypse in bed: Selected plays and short pieces. New York : Marion Boyars, 1998; Recycling. London: Arc Publications, 2001
- deutsch: Der unterbrochene Akt / Akt przerwany, Berlin: G. Kiepenheuer, 1965; Weiße Ehe / Biale malzenstwo, Berlin: G. Kiepenheuer, 1976; Die Laokoon-Gruppe / Grupa Laokona, Berlin: G. Kiepenheuer, 1962; Die Kartothek / Kartoteka, Berlin: G. Kiepenheuer, 1961; Entblößung / Moja coreczka, München: Hanser, 1968; Auf allen Vieren / Na czworakach, Berlin: G. Kiepenheuer, 1973; Der Abgang des Hungerkünstlers / Odejscie glodomora, Berlin: Literar. Colloquium, 1980; Die Falle / Pulapka, Berlin: Henschel, 1983; Eine alte Frau brütet / Stara kobieta wysiaduje, Berlin: G. Kiepenheuer, 1969; Der Tod in der alten Dekoration / Smierc w starych dekoracjach, München: Hanser, 1973; Der komische Alte / Smieszny staruszek, Berlin: G. Kiepenheuer, 1964; Die Zeugen oder unsere kleine Stabilisierung / Swiadkowie albo nasza mala stabilizacja, Berlin: G. Kiepenheuer, 1962; Schild aus Spinngeweb / Tarcza z pajęczyny, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1967; Er ging aus dem Hause / Wyszedl z domu, Berlin: G. Kiepenheuer, 1965; Das Paradiesgärtchen und andere szenische Miniaturen / Rajski ogrodek, Berlin: Henschel, 1991; Überblendungen. Gedichte, München: Hanser, 1987; Das unterbrochene Gespräch. Gedichte, Graz: Droschl, 1992; Vorbereitung einer Dichterlesung und drei außergewöhnliche szenische Miniaturen, Berlin: Katzengraben-Presse, 1993
- spanisch: El fichero / Die Kartothek, Madrid: Fundamentos, 1974; Testigos o nuestra pequena estabilización / Die Zeugen oder unsere kleine Stabilisierung, Madrid: Fundamentos, 1975
- französisch: Anthologie personelle, Actes Sud, 1990