Dokumentar- und Spielfilmregisseur, Drehbuchautor. 1941 in Warschau geboren, 1996 verstorben.
1962 Abschluß am Liceum Technik Teatralnych (Gymnasium für Theatertechniken). Danach im Warschauer Teatr Wspolczesny (Theater der Gegenwart) als Garderobier von berühmten polnischen Theaterschauspielern wie Tadeusz Lomnicki, Aleksander Bardini sowie Zbigniew Zapasiewicz tätig. Studium an der Lodzka szkola filmowa (Filmhochschule Lodz), Abschluß 1968, das Diplom erhielt er im Jahre 1970.
Er studierte bei Kazimierz Karabasz und Jerzy Bossak, unter deren Leitung seine ersten Dokumentarfilme entstanden (
URZAD / DAS AMT,
Z MIASTA LODZI / AUS DER STADT LODZ). Sein erster Spielfilm (
TRAMWAJ / DIE STRASSENBAHN) entstand unter der Leitung von Wanda Jakubowska. Sein Fernsehdebüt schafft Kieslowski mit seinem Dokumentarfilm
ZDJECIE / DIE AUFNAHME. Nach dem Studium ist er bis 1983 angestellt beim Warschauer Dokumentarfilmstudio WFD, wo er die meisten seiner Dokumentarfilme dreht. Mit der Zeit widmet er sich jedoch zunehmend dem Spielfilm. 1973 dreht er seinen ersten Fernsehspielfilm
PRZEJSCIE PODZIEMNE / DIE UNTERFÜHRUNG. Seit 1974 ist Kieslowski Mitglied des erst von Stanislaw Rozewicz, später von
Krzysztof Zanussi geleiteten Produktionsgruppe TOR.
Im Jahre 1985 beginnt Kieslowskis Zusammenarbeit mit dem bekannten Warschauer Anwalt Krzysztof Piesiewicz. Sie drehen den Film
BEZ KONCA /OHNE ENDE, fortan schreiben sie die Drehbücher gemeinsam. Den internationalen Durchbruch schafft Kieslowski mit seinen Filmen
KROTKI FILM O ZABIJANIU / EIN KURZER FILM ÜBER DAS TÖTEN und
KROTKI FILM O MILOSCI / EIN KURZER FILM ÜBER DIE LIEBE (1988), beide aus der Serie
DEKALOG. Seit 1991 (
PODWOJNE ZYCIE WERONIKI - DIE ZWEI LEBEN DER VERONIKA) werden Kieslowskis Filme in polnisch-französischer Kooperation produziert, seit 1993 vom bekannten französichen Filmproduzenten Marin Karmitz. Nach Beendigung der Filmtrilogie
TRZY KOLORY / DREI FARBEN (1993-94) gibt Kieslowski bekannt, daß er sich als Regisseur zurückzieht. In seinen letzten Lebensmonaten arbeitet er mit Piesiewicz am Drehbuch für eine neue Filmtrilogie: "Raj", "Czysciec", "Pieklo" (Paradies, Fegefeuer, Hölle).
In den Jahren 1978-81 war Krzysztof Kieslowski stellvertretender Vorsitzender des Verbandes polnischer Filmschaffender. Er unterrichtete u.a. an Filmhochschulen in West-Berlin, Helsinki, Lodz, Katowice und in der Schweiz.
Krzysztof Kieslowski wurden unzählige Preise für sein Dokumentar- und Spielfilmwerk verliehen - u.a. Grand Prix beim
Internationalen Filmfestival in Mannheim für den Film
PERSONEL / DAS PERSONAL (1975), der erste Preis beim
Internationalen Filmfestival in Moskau für den Film
AMATOR / DER FILMAMATEUR, der Goldene Löwe beim
Filmfestival in Venedig für den Film
TRZY KOLORY: NIEBIESKI / DREI FARBEN: BLAU, der Silberne Bär beim
Internationalen Filmfestival in Berlin für den Film
TRZY KOLORY: BIALY / DREI FARBEN: WEISS. 1976 erhielt er den "Drozdze"-Preis der polnischen Wochenzeitschrift "Polityka". 1985 erhielt Kieslowski beim 15.
LUBUSER FILMSOMMER in Lagow einen Preis für das künstlerische Gesamtwerk. 1990 wurde ihm die Ehrenmitgliedschaft des Britischen Filminstituts für den "hervorragenden Beitrag im Filmbereich" verliehen. 1993 erhielt er den Literatur- und Kunstorden des französischen Kulturministers, im Jahre 1994 erhielt er den dänischen C.J. Soning - Preis für seinen Beitrag im Bereich des Filmes und europäischer Kultur. 1994 wurde Kieslowski im Bereich der Regie bei
TRZY KOLORY: CZERWONY / DREI FARBEN: ROT zum Oscar nominiert. 1996 erhielt er den Europäischen Medienpreis (Girona). Seit 1995 war er Mitglied der Amerikanischen Filmakademie. Er ist ebenfalls Felix-Preisträger (Preis der Europäischen Filmakademie) Seit 2000 trägt die Rundfunk- und Fernsehfakultät der Universität Silesia in Katowice seinen Namen.
"Das gesamte kulturelle Europa kennt Kieslowski (...). Seine Filme werden bei den größten Filmwettbewerben ausgezeichnet - Cannes, Venedig, Berlin, Chicago (...), Straßburg, New York, Hongkong, Jerusalem" - schrieb Stanislaw Zawislinski ("Kieslowski. Bez konca" (Kieslowski. Ohne Ende), Warszawa 1994) zwei Jahre vor Kieslowskis Tod - Zigmillionen von Menschen in der ganzen Welt haben seine Filme gesehen.
Krzysztof Kieslowski war eine außergewöhnliche Persönlichkeit für den polnischen Dokumentar- und Spielfilm. Er war ein Vorreiter, jemand, der neue Wege suchte. Diese bereitete er für diejenigen vor, die nicht scheuten, unbequeme Fragen zu stellen und nach universalen Grundwahrheiten zu suchen. Stanislaw Zawislinski ist der Meinung, daß Kieslowski seit seinem Debüt sein Interesse hauptsächlich dem Menschen widmet.
"Der mit der Gesellschaft, der Macht, dem System, der Familie und mit sich selbst konfrontierte Mensch. Der in Widersprüche, Abhängigkeiten, Konflikte eingebundene Mensch. Der Mensch, der stets Werteentscheidungen treffen und für seine Wahl die Konsequenzen tragen muß. Der Mensch, in dessen Leben Politik eindringt und der unpolitische Mensch. Der unentwegt nach Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit strebende Mensch. Der sich nach Liebe, Glück, Verständnis sehnende Mensch..."
Schließlich der sich selbst und anderen - wie auch der Regisseur selbst - die Grundfrage stellende Mensch: "wie soll ich leben?".
Von dieser Frage ist das künstlerische Schaffen Kieslowskis stets geprägt. Dies gilt sowohl für die Dokumentar- als auch für die Spielfilme, obwohl diese im ersten Augenblick wenig gemein zu haben scheinen - zwischen dem Inhalt der Trilogie
TRZY KOLORY / DREI FARBEN und den Dokumentarfilmen, aber auch den Filmen der mittleren Schaffensperiode (
PERSONEL / DAS PERSONAL,
AMATOR / DER FILMAMATEUR,
SPOKOJ / GEFÄHRLICHE STILLE oder
BLIZNA / DIE NARBE) scheint sich zunächst ein Abgrund abzuzeichnen.
Krzysztof Kieslowski ist vor allem als Spielfilmautor bekannt. Lange Zeit war er jedoch vor allem Dokumentarist. Dokumentarist ist er auch als Spielfilmregisseur geblieben, bis hin zur Produktion von
BEZ KONCA / OHNE ENDE. Der Autor einer Monographie über den Dokumentaristen Kieslowski vertritt die Ansicht, dieser Teil seines Schaffens würde keine angemessene Beachtung finden (Mikolaj Jazdon, "Dokumenty Kieslowskiego", Posen 2002). Dem ist jedoch nicht zuzustimmen: Selbstverständlich ist die Chancengleichheit in einem Wettbewerb zwischen einem Dokumentarist und einem Spielfilmautor kaum möglich. Unter den Dokumentaristen selbst hatte Kieslowski jedoch, vor allem in Polen, eine Spitzenposition.
"Die künstlerischen und finanziellen Erfolge von 'Dekalog', 'Die zwei Leben der Veronika' und 'Drei Farben' überschatteten das dokumentarische Werk Kieslowskis. Diejenigen, die sein erstes studentisches Werk 'Die Straßenbahn' kennen, könnten sogar behaupten, gerade diese Geschichte wäre von Anfang an des Regisseurs Schicksal in Kurzfassung gewesen. Und in der Tat scheint dieser Kurzfilm ohne Dialoge von einem missglückten Treffen eines jungen Mannes mit einer jungen Frau alles anzusprechen, wofür sich der Regisseur später interessiert hat: die Realität, das Leben, den Zufall. Diese Begriffe prägten jedoch auch das Dokumentarwerk Kieslowskis..." - schrieb Boguslaw Zmudzinski in einem Katalog zu Kieslowskis Filmrevue, die im Rahmen der 33. Internationalen Filmfestspiele in Krakau 1996 gezeigt wurde.
In demselben Katalog schrieb Marek Hendrykowski:
"Der Dokumentarfilm war die erste große Liebe von Krzysztof Kieslowski. Heute, wo seine späteren Erfolge im Bereich des Spielfilms sein Dokumentarfilmwerk in den Schatten stellen, scheinen wir beinahe zu vergessen, welch einen starken Einfluß gerade der Dokumentarfilm auf die künstlerische Persönlichkeit Kieslowskis gehabt hat und wie viel gerade die Spielfilme seinen Erfahrungen als Dokumentarist verdanken."
Mikolaj Jazdon geht sogar weiter und findet vom Dokumetarfilm geprägte Elemente auch in den späteren Filmen Kieslowskis, die an sich von der Dokumentarfilmrealität vollkommen losgelöst zu sein scheinen.
Die Schaffensperiode der Jahre 1966-80 ist bei Kieslowski vom Dokumentarfilm geprägt. Er dreht in diesem Zeitraum eine Vielzahl von Dokumentarfilmen: mit mehreren Hauptpersonen (
URZAD / DAS AMT,
FABRYKA / DIE FABRIK,
Z MIASTA LODZI / AUS DER STADT LODZ,
SZPITAL,
ROBOTNICY '71 - NIC O NAS BEZ NAS / ARBEITER '71 - NICHTS ÜBER UNS OHNE UNS) und einzelner Hauptperson (
MURARZ / DER MAURER,
ZYCIORYS / DER LEBENSLAUF,
Z PUNKTU WIDZENIA NOCNEGO PORTIERA/ VOM STANDPUNKT EINES NACHTWÄCHTERS,
PIERWSZA MILOSC / ERSTE LIEBE sowie
SIEDEM KOBIET W ROZNYM WIEKU / SIEBEN FRAUEN VERSCHIEDENEN ALTERS). Einpaar von ihnen bilden eine Werteverschiebung der Propagandawahrheiten des kommunistischen Polens. So ist es beispielsweise bei
BYLEM ZOLNIERZEM / ICH WAR EIN SOLDAT - Ein Kriegsbild aus der Sicht der infolge ihrer Verletzungen erblindeten Soldaten, oder bei
ROBOTNICY '71 / ARBEITER '71 - NICHTS ÜBER UNS OHNE UNS - ein Porträt derer, die nach den Ereignissen vom Dezember 1970 anfangen, mit eigener Stimme zu sprechen. Der größte Teil beschreibt die gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Situation im kommunistischen Polen. Hierzu gehört beispielsweise die Auftragsarbeit zu Parteischulungszwecken
ZYCIORYS / DER LEBENSLAUF oder auch die dramatische Erzählung des ehemaligen Direktors des Betriebes "Renifer" (
NIE WIEM / WEISS NICHT). Hierzu zählt auch die Filmmetapher auf das totalitäre System
Z PUNKTU WIDZENIA NOCNEGO PORTIERA / VOM STANDPUNKT EINES NACHTWÄCHTERS sowie teils auch der Film
GADAJACE GLOWY / SPRECHENDE KÖPFE. Teils, da dieser Film auch existentiale Elemente beinhaltet, die typisch für manche Dokumentarfilme Kieslowskis sind, vor allem bei
SIEDEM KOBIET W ROZNYM WIEKU / SIEBEN FRAUEN VERSCHIEDENEN ALTERS und gewissermaßen auch bei
PIERWSZA MILOSC / ERSTE LIEBE.
Bereits seit seinem Fernsehdebüt mit dem Film
PRZEJSCIE PODZIEMNE / DIE UNTERFÜHRUNG arbeitet Kieslowski parallel an Dokumentar- und Spielfilmproduktionen. Seine Spielfilme orientieren sich stark an seinen Dokumentarfilmen. Unter seinen Dokumentarfilmproduktionen sind auch zunehmend inszenierte Dokumentarfilme (
ZYCIORYS / DER LEBENSLAUF) oder auch Dokumentarspiele wie
Z PUNKTU WIDZENIA NOCNEGO PORTIERA / AUS DER SICHT EINES NACHTWÄCHTERS, in welchem der Protagonist sich selbst zu spielen scheint.
In einem Gespräch mit Stanislaw Zawislinski sagte Kieslowski:
"Jedermann will mit seinem Tun die Welt verändern. Ich habe eigentlich nicht damit gerechnet, die Welt im wahrsten Sinne des Wortes verändern zu können. Ich dachte, ich könnte die Welt beschreiben."
Dies stimmt mit den im berühmten Buch
SWIAT NIEPRZEDSTAWIONY / DIE VERSTECKTE WELT aus dem Jahre 1974 von
Julian Kornhauser und Adam Zagajewski aufgestellten Thesen, worauf u.a. Mikolaj Jazdon hinweist. Kieslowski scheint, sich nach den Empfehlungen der Autoren für Schriftsteller zu richten, die Realität durch Mikrowelten zu beschreiben, durch an sich gewöhnlich erscheinende Orte, die wir im normalen Leben aufsuchen wie bespielsweise ein Amt (
URZAD / DAS AMT), die Traktorenfabrik Ursus (
FABRYKA / DIE FABRIK), ein Bestattungsunternehmen (
REFREN / DER REFRAIN), ein Krankenhaus (
SZPITAL / DAS KRANKENHAUS), ein Bahnhof (
DWORZEC / DER BAHNHOF). Dazu schrieb Jazdon:
"wie in einem Wassertropfen spiegelt sich hier das Bild der polnischen Realität wider".
Dabei versuchte Kieslowski, die verborgenen Mechanismen des Systems aufzuzeigen. Er blieb hierbei konsequent, angefangen mit dem Übungsstück
URZAD / DAS AMT, dann
FABRYKA / DIE FABRIK,
PRZED RAJDEM / VOR DER RALLYE,
ROBOTNICY '71/ ARBEITER '71 - NICHTS ÜBER UNS OHNE UNS,
Z PUNKTU WIDZENIA NOCNEGO PORTIERA / VOM STANDPUNKT EINES NACHTWÄCHTERS, bis hin zu privaten Geschichten, sowie dem Film
PIERWSZA MILOSC / ERSTE LIEBE, in welchem gleichzeitig die Liebesgeschichte eines sehr jungen Paares und die Realität des kommunistischen Polens, mit der die beiden jungen Menschen konfrontiert werden, dargestellt werden.
Dieses Selbstverständnis als Künstler ist typisch für viele Dokumentarfilmregisseure, die 1971 bei dem Dokumentar- und Kurzfilm-Wettbewerb in Krakau als eine Gruppe entdeckt wurden. Dies gilt neben Kieslowski u.a. auch für Wojciech Wiszniewski, Tomasz Zygadlo, Pawel Kedzierski. Sie alle versuchten, wenn schon die Realität nicht zu verändern, dann wenigstens die tatsächliche Realität des kommunistischen Polen zu zeigen. Kieslowski sagte dazu ("O sobie" (Über sich selbst), Krakau 1997):
"Die kommunistische Welt (...) wurde so gezeigt, wie sie sein sollte, nicht wie sie tatsächlich war."
In all diesen Filmer spielte auch das Politische eine Rolle, anders als bei den Filmen aus der sog. Karabasz - Schule, der im Übrigen Kieslowskis Meister war. Dessen Film
MUZYKANCI/ DIE MUSIKANTEN bezeichnete Kieslowski als einen der besten der Filmgeschichte überhaupt.
Jedoch bleibt Kieslowski mit seiner Polarität gegenüber der Karabasz-Schule nicht konsequent - so beispielsweise in
PIERWSZA MILOSC / ERSTE LIEBE oder auch in einem seiner letzten Dokumentarfilme
SIEDEM KOBIET W ROZNYM WIEKU / SIEBEN FRAUEN VERSCHIEDENEN ALTERS. Bezugnehmend auf diese beiden Filme schrieb Tadeusz Lubelski ("Kontrapunkt" - das Kulturmagazin des Wochenblattes "Tygodnik Powszechny" 3/2000), dass sie die künstlerische Formel der "Karabasz-Schule" weiterentwickeln.
Schließlich ist es in diesem Zusammenhang erwähnenswert, daß Kieslowskis Filme seinerzeit zwar als quasi antikommunistische Manifeste angesehen wurden. Kritisiert wurde an ihnen, sie seien zu publizistisch oder würden auch die TV-Manier der "sprechenden Köpfe" übernehmen; sie seien agitatorisch (
FABRYKA / DIE FABRIK). Kieslowski selbst wollte jedoch keinen offenen Krieg gegen das System. Vielmehr, wie Tadeusz Sobolewski in seinem Buch schrieb ("Kino Krzysztofa Kieslowskiego" [Krzysztof Kieslowskis Kino], herausgegeben von Tadeusz Lubelski, Krakau 1997), konzentrierte er sein Schaffen darauf,
"die Kluft zwischen dem Staat und dem Volk zu mindern (...), nicht zu vergrößern".
Die Hauptpersonen in Kieslowskis Dokumentar- und Spielfilmen, die zum sog. Kino der moralischen Unruhe gezählt werden, bekämpfen das System nicht. Vielmehr wollen sie, wie beispielsweise der Betriebsdirektor im Spielfilm
BLIZNA / DIE NARBE oder der ehemalige Direktor im Dokumentarfilm
NIE WIEM / WEISS NICHT oder die Hauptfigur des Dokumentarfilmes
MURARZ / DER MAURER und die Ärzte im Dokumentarfilm
SZPITAL / DAS KRANKENHAUS, einfach nur ordentlich arbeiten. Dieser Wunsch nach ordentlicher Arbeit kollidiert mit dem System, denn das System wünscht solche Arbeit nicht. Die Hauptfiguren in Kieslowskis Filmen kämpfen stets um einfachste Dinge (
SZPITAL / DAS KRANKENHAUS,
PRZED RAJDEM / VOR DER RALLYE) und entweder es gelingt ihnen, ihre Träume im gewissen Grad zu verwirklichen oder sie zerbrechen an ihnen (
ZYCIORYS / DER LEBENSLAUF,
NIE WIEM / WEISS NICHT). Auch der Wunsch nach einem Refugium (der Spielfilm
SPOKOJ / GEFÄHRLICHE STILLE, der Dokumentarfilm
PIERWSZA MILOSC / ERSTE LIEBE) scheint genauso schwierig . Die Protagonisten werden genötigt, schwierige politische und private Entscheidungen zu treffen (
PERSONEL / DAS PERSONAL,
NIE WIEM / WEISS NICHT,
AMATOR / DER FILMAMATEUR).
Erwähnenswert erscheint auch die Tatsache, daß seine Dokumentar- und Spielfilme aus dem Bereich des Kinos moralischer Unruhe ähnliche Hauptfiguren, Problematik sowie ähnliche Beschreibungsart der gesellschaftlichen und politischen Realität im kommunistischen Polen aufweisen. Hinzuzufügen wäre noch, worauf Kieslowski selbst in einem Gespräch mit S. Zawislinski hingewiesen hatte, daß er und seine Kollegen in diesen Filmen, wie in Dokumentarfilmen, versuchten, "die Welt in einem Wassertropfen zu sehen". So sollte sein erster mit Begeisterung von Kritikern und Zuschauern aufgenommene TV-Spielfilm
PERSONEL / DAS PERSONAL "eine Theatergeschichte (...), in Wirklichkeit jedoch eine Geschichte über das Polen erzählen".
Nach 1980 hat Krzysztof Kieslowski nur noch einen Dokumentarfilm gedreht (
SIEDEM DNI TYGODNIA / SIEBEN TAGE IN DER WOCHE). Daß Kieslowski vom Dokumentarfilm Abstand nahm, wurde gewissermaßen von der Situation im kommunistischen Polen erzwungen. Ein Künstler hatte nicht nur begrenzte Schaffensmöglichkeiten, vielmehr konnte er sich nie sicher sein, ob der Film oder das Drehmaterial von der Staatssicherheit nicht manipuliert werden würden. Aber auch die aus der Natur des Dokumentarfilms resultierenden Begrenzungen hatten Einfluß darauf. Einst meinte Kieslowski, in einem Dokumentarfilm wäre es beispielsweise schwierig, Liebe darzustellen. Er selbst hat dennoch den Versuch unternommen (
PIERWSZA MILOSC / ERSTE LIEBE. Kieslowski war sich auch dessen bewusst, dass der Dokumentarfilm in das tatsächliche Leben der Hauptfiguren eindringt, was nicht folgenlos bleiben kann und Gefahren birgt.
Dennoch hat man bis hin zu
BEZ KONCA / OHNE ENDE den Eindruck, es stets mit Dokumentarfilmen zu tun zu haben. Die unentwegte Bezugnahme auf konkrete, bekannte und glaubwürdige Realitäten, wie Malgorzata Dipont über
PERSONEL/ DAS PERSONAL (in: "Kieslowski. Bez konca" [Kieslowski. Ohne Ende) schrieb, das Auftreten von Amateurschauspielern sowie Hauptfiguren, die sich selbst spielen (wie z. Bsp. von
Krzysztof Zanussi in
AMATOR / DER FILMAMATEUR), sind Beispiele aus den Spielfilmen dieser Schaffensperiode Kieslowskis.
"Unabhängig davon, wie sehr er sein Handwerk verbessert und wie stark er seine künstlerischen Mittel vervollständigt hat, spielt keiner seiner Filme überall, also nirgends; ein jeder von ihnen zeigt deutlich typische Orts- und Zeitmerkmale" - schrieb M. Dipont.
Der eigentliche Durchbruch kam mit dem Film
PRZYPADEK / DER ZUFALL MÖGLICHERWEISE, der sowohl dem Film
PERSONEL / DAS PERSONAL oder auch dem
AMATOR / DER FILMAMATEUR, als auch dem Film
PODWOJNE ZYCIE WERONIKI / ZWEI LEBEN DER VERONIKA ähnelt. Er ist stark von der polnischen Realität geprägt. Gleichzeitig ähnelt er, wie Alain Masson ("Positif", 12/1988, in: "Kieslowski. Bez konca" [Kieslowski. Ohne Ende]) meinte, einem klar aufgebauten philosophischen Märchen.
Dieser klare Aufbau ist ein Markenzeichen von Kieslowskis Filmart. Miroslaw Przylipiak ("Kwartalnik Filmowy" [Die Vierteljahreszeitschrift für den Film 23/1998) schrieb, daß die Dramaturgie in dem Dokumentarfilmwerk Kieslowskis auf der Gedankenentwicklung basierte. Wie andere Dokumentaristen auch
"formulierte er sein Verständnis vom Dokumentarfilm als Gegensatz zum Spielfilm, was nicht außergewöhnlich war" - schrieb Przylipiak.
Außergewöhnlich war dagegen die Tatsache, daß er die Dramaturgie nicht auf dem Gegensatz Erzählung-Realität oder Fiktion-Wahrheit, sondern auf dem Gegensatz Erzählung-Gedanke aufbaute. Przylipiak schrieb dazu:
"Der Dokumentarfilm unterschied sich vom Spielfilm darin, daß sein Aufbau diskursiv wäre, also auf einer Fortentwicklung des Gedankes, der Idee, der Intention des Autors aufbauen würde."
Kieslowski selbst sprach beispielsweise im Gespräch mit Kazimierz Karabasz (K. Karabasz, "Bez fikcji - z notatek filmowego dokumentalisty" [Ohne Schein - aus den Notizen eines Dokumentaristen], Warschau 1985) davon. Als Beispiele nannte er die Filme
Z PUNKTU WIDZENIA NOCNEGO PORTIERA / AUS DEM STANDPUNKT EINES NACHTWÄCHTERS, wo der Anstoß der Wunsch nach der Darstellung der zunehmenden Intoleranz war, sowie
SZPITAL / DAS KRANKENHAUS, der oft als die große Metapher auf das kommunistische Polen gedeutet wurde, mit den in ihm dargestellen Lücken, dem Nonsens und Menschen, die trotzdem versuchen, etwas auf die Beine zu kriegen, wobei sie auf aberkomischste Hindernisse stoßen. Kieslowski wollte jedoch einen Film über die Brüderlichkeit drehen und erst dann suchte er nach einem geeigneten Objekt, an dessen Beispiel er sie darstellen könnte. Die Konsequenzen einer solchen Einstellung zum Film sind überwältigend. Obwohl der Regisseur den Dokumentarfilm der Erzählung entgegenstellte, kann man die erwähnte Aufbaumethode von Spielfilmen vor allem in seinen letzten Filmen deutlich erkennen (
DEKALOG,
PODWOJNE ZYCIE WERONIKI / ZWEI LEBEN DER VERONIKA,
TRZY KOLORY / DREI FARBEN). Was sie von den Dokumentarfilmen sowie früheren Spielfilmen Kieslowskis unterscheidet, ist das Zurücklassen des sittlichen, politischen oder auch gesellschaftlichen Elementes. Anders ist auch das fiktive Verständnis von Zeit und Ort, auch wenn Zeit und Ort leicht zu benennen sind. Trotz Erklärungen des Autors waren sie es gerade, in denen die auf der Gedankenentwicklung aufgebaute Konstruktion viel besser erkennbar ist, als in den Dokumentarfilmen, die aufgrund ihrer Eigenart viel schwieriger den künstlerischen Ideen unterzuordnen sind. Krzysztof Kieslowski hat sich in seinen letzten Filmen von den äußeren Grenzen befreit. Er konnte seine Ideen wie ein Wissenschaftler in einem Labor verwirklichen.
Zweifelsohne hatte die künstlerische Niederlage des Filmes
BEZ KONCA / OHNE ENDE einen enormen Einfluß auf die später von Kieslowski eingeschlagene Laufbahn. Die Niederlage war auch für Kieslowski selbst erkennbar. Dies war sein erster gemeinsamer Film mit dem Rechtsanwalt Krzysztof Piesiewicz, für den sie gemeinsam das Drehbuch schrieben. In seiner Autobiographie "O sobie" [Über sich selbst] nannte ihn Kieslowski "breitbeinig". Er meinte damit den fehlenden Zusammenhang zwischen dem sittlichen, dem publizistischen und dem metaphysischen - vom Geist des Verstorbenen vertretenen - Plot. Nach gründlicher Analyse dieses Misserfolges nahm Kieslowski radikal Abstand von den bisher angewandten künstlerischen Mitteln, nicht jedoch von seiner bisherigen Weltauffassung.
"Ein jeder Film - schrieb er - ist gewissermaßen eine Falle. Du willst etwas Bestimmtes erzählen, aber gleichzeitig etwas ein wenig anderes. Nun versuche ich, diese Fallen zu umgehen. Ich versuche, eine bestimmte Laufbahn zu zeichnen. Eine gute Übung hierbei war sicherlich der 'Dekalog'. Die Filme waren kurz. Daher mussten auch ihre Laufbahnen deutlich gezeichnet werden."
Kieslowski wollte "einfache Geschichten" erzählen, klare, logisch aufgebaute, ohne vom Kampf mit der Realität gekennzeichnete Geschichten.
Vor die Wahl gestellt konnte Kieslowski sich genauso gut anders entscheiden. Genauso gut hätte er ein polnischer Ken Loach werden können, von dessen Kunstwerk er einst fasziniert gewesen war.
Er entschied sich jedoch für die andere Richtung. Angefangen mit
DEKALOG entzog er seinen Filmen immer mehr Tatsachen. Er reduzierte sie bis aufs Minimum, gleichzeitig verdichtete er jedoch das Bild, wobei er andere Übertragungsmittel als bisher anwandte. So schuf er eine Filmsprache, die ganz Europa eroberte. Gleichzeitig verlor er in Polen selbst einen Teil von dem ihm bis dahin treuen Publikum, welches sich anscheinend nicht von den Argumenten überzeugen ließ, die Kieslowski in seiner Autobiographie anführte:
"Ich habe mich keineswegs verraten in 'Weronika', 'Trzy kolory' (Drei Farben), 'Dekalog' oder 'Bez konca' (Ohne Ende). Vielmehr denke ich, dass ich die Porträts der Protagonisten um ein ganzes Stück Vorahnungen, Intuitionen, Träume, Aberglauben, reicher gemacht, sie mit menschlichem Innenleben ausgestattet habe."
Es scheint, daß bei keinem anderen Künstler dieser Unterschied zwischen der Wahrnehmung durch das polnische und das ausländische Publikum so deutlich zu sehen ist wie bei dem Werk Kieslowskis.
Der
DEKALOG scheint in der polnischen Wirklichkeit angesiedelt zu sein. Die Handlung eines jeden Filmes findet in einer grauen, düsteren, typischen Realität einer Hochhaussiedlung im kommunistischen Polen statt. Für den westlichen Zuschauer mag dieses Bild realistisch erscheinen, nicht jedoch für einen Polen, für den das Bild zu abstrakt, zu losgelöst vom wirklichen Leben mit all seinen Details, die für den Dokumentaristen Kieslowski ja zugänglich waren, erscheint.
"Ich habe versucht, einzelne Menschen in verschiedenen schwierigen Lebenslagen zu zeigen. Die gesellschaftlichen und tagtäglichen Probleme bildeten stets den Hintergrund" - schrieb der Regisseur über den DEKALOG ("O sobie" (Über sich selbst)) und gab gleichzeitig Vereinfachungen bei der Darstellung der Realität der 80er Jahre in Polen.
In Filmen wie
PERSONEL / DAS PERSONAL,
SPOKOJ / GEFÄHRLICHE RUHE,
AMATOR / DER FILMAMATEUR, oder
PRZYPADEK / DER ZUFALL MÖGLICHERWEISE war auch die an sich im Hintergrund stehende Realität wichtig. Die Darstellung dieser zweiten Schicht ermöglichte es, dass die im Film dargestellte Welt mit der Realität zu verschmelzen schien und der Zuschauer sich viel einfacher mit der Hauptfigur identifizieren konnte. Gleichzeitig könnte man jedoch von jedem dieser Filme sagen, dass sie vor allem "einzelne Menschen in verschiedenen schwierigen Lebenslagen" zeigten.
Kieslowski griff also im
DEKALOG nicht etwa nach neuen Themen, vielmehr änderte er seine Filmsprache, indem er vorsätzlich nach neuen Formmitteln griff.
"Wir fingen an, intuitiv zu ahnen, - schrieb er in dem bereits zitierten Buch von sich selbst und Krzysztof Piesiewicz - daß es sich bei 'Dekalog' um einen uniersalen Film handeln könnte. Also haben wir beschlossen, das Politische aus den Filmen zu verstoßen."
Das angestrebte Ziel ist dem Duo Kieslowski-Piesiewicz hundertprozentig gelungen. Nach dem außergewöhnlichen Erfolg von
KROTKI FILM O ZABIJANIU / EIN KURZER FILM ÜBER DAS TÖTEN mit seiner universalen Botschaft wurden auch weitere Filme aus dem Dekalog-Zyklus vor allem im Westen mit großem Interesse aufgenommen.
Auch die späteren Filme Kieslowskis - diesmal in Frankreich produziert -
PODWOJNE ZYCIE WERONIKI / DIE ZWEI LEBEN DER VERONIKA und die Trilogie
TRZY KOLORY / DREI FARBEN handelten ausschließlich von menschlichen Gefühlen.
"Angefangen mit seiner radikalen Absage an all das, was Krzysztof Kieslowski 'Politik' nennt, womit jedoch wahrscheinlich ein weitaus größerer Bereich gemeint ist, wird seinen Filmen (ausgenommen 'Weiß') zunehmend der Boden entzogen, immer weniger sind sie in der tatsächlichen Realität verankert. Der Anfang dieser Wandlung ist bereits im 'Dekalog' erkennbar. Seine nun poetischen weiblichen Hauptfiguren verkörpern eine übersteigerte Sensibilität und Emotionalität, sie bewegen sich in einem Vakuum, sie schweben über der Erde. (...) Die psychisch gezeichneten Heldendarstellerinnen leben ein unwirkliches Leben. Sie leben in einer reduzierten Realität." - schrieb Maria Kornatowska ("Krzysztof Kieslowskis Kino").
Die späteren Filme, wie beispielsweise
DEKALOG, erzählen einfache Geschichten von komplizierten menschlichen Emotionen. Sie ähneln dem
DEKALOG, sind jedoch gleichzeitig ganz anders. Maria Kornatowska weist darauf hin, daß angefangen mit
PODWOJNE ZYCIE WERONIKI / DIE ZWEI LEBEN DER VERONIKA Kieslowski die Bildästhetik hervorhebt, die Farbdominanten sorgfältig aussucht und die weiblichen Hauptpersonen anders als bisher filmt, indem er ihnen durch seine Aufnahmen eine werbetaugliche Schönheit verleiht. Mit diesen Mitteln entstand sein neuer Filmstil. Den Unterschied zwischen der Darstellung der polnischen Hauptdarstellerinnen im
DEKALOG - Zyklus und der französischen Hauptdarstellerinnen in seinen späteren Werken bemerkt auch Alicja Helman.
Dem Universalismus fiel in Kieslowskis Filmen die Realität zum Opfer, was jedoch nicht bedeuten soll, daß der Regisseur seit
DEKALOG von seinen Erfahrungen als Dokumentarist keinen Gebrauch mehr machen würde. Im Gegenteil - ohne diese Erfahrungen würde Kieslowski es nicht schaffen, im Detail so fein ausgearbeitete Konstruktionen aufzubauen.
Zweifelsohne hat Rafal Marszalek damit Recht, daß der Film
KROTKI FILM O ZABIJANIU / EIN KURZER FILM ÜBER DAS TÖTEN ohne die Erfahrungen aus dem Dokumentarfilmbereich nicht entstanden wäre. Die erschütternde, detailliert dargestellte Hinrichtungsszene erinnere an ähnlich detailtreu gedrehten Film
SZPITAL / DAS KRANKENHAUS. ("Kino Krzysztofa Kieslowskiego" [Krzysztof Kieslowskis Kino])
In ihrer Analyse des
DEKALOG - Zyklus kommt auch die französiche Wissenschaftlerin Veronique Campan zu dem Ergebnis, daß die Filme aus dieser Serie typische Bildaufbaueigenschaften eines Dokumentarfilmes aufweisen ("Kino Krzysztof Kieslowski" [Krzysztof Kieslowskis Kino]).
"Kieslowski - so Campan - ist mit Sicherheit ein beschreibender Regisseur. Seine Kamera folgt jedem Schritt der Hauptpersonen, zeichnet ihre flüchtigsten Gesten auf, auch die weniger bedeutsamen. Man könnte sein Kino als kontemplativ bezeichnen, da die Vorbereitungsphasen, die in die eigentliche Atmosphäre einführen sollen, eigentlich zahlreicher und länger als die Handlungsphase selbst sind."
Campan weist auf die präzise Darstellung zahlreicher Details hin, die jedoch im Film selbst nicht etwa die tatsächliche Realität zeigen, sondern vielmehr der emotionalen Konstruktion dienen sollen. Die langsame Bewegung der Kamera, die die Aufmerksamkeit des Zuschauers von einem Gegenstand zum anderen führt, Aufnahmen, bei denen ein bestimmtes Detail die gesamte Aufmerksamkeit auf sich zieht (u.a. der in einen Eimer geworfene Scheuerlappen in Nr. 5 oder eine Fliege am Glasrand in Nr. 2) und andere Formmittel zielen daraufhin, bestimmte Gegenstände, denen der Regisseur eine symbolische Bedeutung verleihen wollte, hervorzuheben. Diesem Zweck sollen auch die Nahaufnahmen sowie ungewöhnliche Blickwinkel dienen.
Das Detail spielt also in dem
DEKALOG - Zyklus und auch in späteren Filmen eine wichtige Rolle in Hinblick auf die Mitteilung des Filminhalts. Gleichzeitig soll es jedoch nicht die Realität darstellen. Die bereits zitierte Malgorzata Kornatowska schrieb über einen der Filme aus der Trilogie
TRZY KOLORY / DREI FARBEN:
"Die Realität in 'Rot' wird von einer intensiven Darstellung ersetzt, der Dichte des Bildgewebes, welches lebt und pulsiert."
Diese Bildintensität würde von verschiedenen Requisiten, Gegenständen, Gesten und Figuren bewirkt, denen der Regisseur eine zukunftsweisende Symbolik verleiht.
"Sie sind Träger von geheimnisvollen, magischen Deutungen, sie bilden ein Netz, das verschiedene Personen und Ereignisse einspannt. Glaskugeln, Zauberringe, ein Anhänger aus lauter bunten und klingenden Glasteilen, Puppen - eine Menge ganz gewöhnlicher Dinge."
Auch in anderen Werken Kieslowskis aus dieser Schaffensperiode ist sein Hang zur Symbolik erkennbar. Kornatowska sieht diese letzte Schaffensphase Kieslowskis als sein Folgen der „modernen, weltlichen, popmetaphysischen Strömung“. Mit dieser Ansicht steht sie nicht alleine.
Kieslowski war in der Tat ein umstrittener Regisseur, was sogar sein großer Anhänger Stanislaw Zawislinski in seinem bereits zitierten Buch zugibt:
"Das, was viele bei Kieslowski bewundern, stört und stößt andere ab. Das, was vielen als innovativ, erfinderisch, klug, rührend und durchdringend erscheint, sehen andere als einen „falschen Fuffziger“, „metaphysischen Quatsch“, "professionelle Täuschung".
Filmographie
Hochschulübungsstücke

1966
TRAMWAJ / DIE STRASSENBAHN - Spielfilmübungsstück unter der Leitung von Wanda Jakubowska. Die missglückte Begegnung eines jungen Mannes und einer jungen Frau. Ohne Dialoge.

1966
URZAD / DAS AMT (Arbeitstitel "Renta - Die Rente") - Dokumentarfilmübungsstück an der Film- und Theaterhochschule Lodz (PWSFTviT) unter der Leitung von Jerzy Bossak, Kazimierz Karabasz und Kurt Weber. Die für die Erteilung der Rente zuständigen Beamten und die bittstellenden Betroffenen. Die bürokratische Maschinerie und menschliche Tragödien.

1967
KONCERT ZYCZEN / DAS WUNSCHKONZERT - Dokumentarfilmübungsstück über Jugendliche und ihre Subkulturen.
Dokumentarfilme

1968
ZDJECIE / DIE AUFNAHME - Fernsehfilm. Eine Kriegsaufnahme von zwei lächelnden Jungen mit Gewehren. Eine Filmcrew sucht nach Jahren die Abgebildeten und findet bereits erwachsene Männer.

1969
Z MIASTA LODZI / AUS DER STADT LODZ (Arbeitstitel "Lodzianie - Die Einwohner von Lodz") - Diplomfilm an der Film- und Theaterhochschule in Lodz unter der Leitung von Kazimierz Karabasz. Ein Stadtporträt. Der optimistische Kommentar über die Stadt und ihre industriellen Errungenschaften begleitet Aufnahmen von verfallenden Gebäuden.

1970
BYLEM ZOLNIERZEM / ICH WAR EIN SOLDAT (Drehbuch zusammen mit Ryszard Zgorecki, Regie zusammen mit Andrzej Titkow). Der Film handelt von einpaar Kriegsveteranen, die infolge ihrer Verletzungen erblindet sind. Eine von der offiziellen abweichende Kriegsdarstellung. Produziert im Auftrag der militärischen Filmproduktionsstätte Czolowka [Vorspann]. (Auszeichnungen: 1971 - Auszeichnung des Verteidigungsministers;
OFFK, Krakau - Auszeichnung der Wochenzeitschrift "Zolnierz Polski - Der polnische Soldat")

1970
FABRYKA / DIE FABRIK. Reportage einer Krisensitzung in der Traktorenfabrik Ursus, konfrontiert mit der Darstellung der Arbeiter. Eine erdrückende Abbildung eines Betriebes im kommunistischen Polen und der sozialistischen Planwirtschaft. (Auszeichnungen: 1971 -
OFFK Krakau, Auszeichnung von "Glos Robotniczy - Die Arbeiterstimme" für die engagierte Beschreibung der aktuellen sozialen Lage.)

1971
PRZED RAJDEM / VOR DER RALLYE Bericht über die Vorbereitungen des besten polnischen Rallyefahrers Krzysztof Komornicki für die Rallye Monte Carlo. Verhindert werden die Vorbereitungen von unzähligen Hindernissen und Fallen der kommunistischen Realität.

1972
REFREN / DER REFRAIN (Arbeitstitel "Pogrzeb czyli zabawa w chowanego - Ein Begräbnis heißt ein Versteckspiel"). Der Film beschreibt den Arbeitsablauf in einem Bestattungsinstitut und einer Verwaltungsbürokratie, vor der man nicht einmal nach dem Tode flüchten kann.

1972
MIEDZY WROCLAWIEM A ZIELONA GORA / ZWISCHEN WROCLAW UND ZIELONA GORA Werbefilm über das Kupferförderungsgebiet in Lublin.

1972
PODSTAWY BHP W KOPALNI MIEDZI / SICHERHEITSBESTIMMUNGEN IN EINEM KUPFERBERGWERK Ein Ausbildungsfilm, Auftragsabreit.

1972
ROBOTNICY '71: NIC O NAS BEZ NAS / ARBEITER'71: NICHTS ÜBER UNS OHNE UNS (Arbeitstitel '"Robotnicy - Die Arbeiter") (Regie zusammen mit Tomasz Zygadlo, Wojciech Wiszniewski, Pawel Kedzierski und Tadeusz Walendowski). Der Versuch eines Arbeiterportäts der 70er Jahre. Dargestellt wird die Stimmung in der polnischen Gesellschaft, die wachsende Eigenidentität der Arbeiter sowie die Manipulationen der kommunistischen Partei nach den Ereignissen im Dezember 1970. Der Film wurde in der Originalfassung nie gezeigt. Er wurde aber ohne Erlaubnis der Autoren in einer zensierten Fassung unter dem Titel
GOSPODARZE / DIE GASTGEBER gezeigt. Die Staatssicherheit ging sogar soweit, die Tonausschnitte zu stehlen mit der Absicht, sie gegen die vor der Kamera aussagenden Arbeiter zu verwenden.

1973
MURARZ / DER MAUERER. Der Maurer Jozef Malesa, ehemals Bestarbeiter und Parteiaktivist, erinnert sich am 1. Mai an die eigene Geschichte, an das stalinistische Polen und die Ereignisse von 1956. Die Geschichte Polens aus der Sicht eines von der neuen Weltordnung erst verführten, dann enttäuschten Mannes.

1974
PRZESWIETLENIE / DURCHLEUCHTUNG. Eine bewegende Darstellung von Patienten einer Lungenheilanstalt in Sokolowsko in Niederschlesien.

1974
PIERWSZA MILOSC / ERSTE LIEBE. Die Geschichte eines jungen Liebespaares (17 und 18 Jahre alt), dargestellt von der Geburt ihres Kindes an. Die Liebe von zwei jungen Erwachsenen im kommunistischen Polen, wo nichts einfach ist, wo einfachste Dinge von der Verwaltungsbürokratie erkämpft werden müssen. Die Liebe, die Hoffnung gibt. Geplant hat Kieslowski auch den zweiten Teil des Filmes über das Kind: "Ewa", "Ewunia" oder "Horoskop". Der Film wurde schließlich im Jahre 2000 von Krzysztof Wierzbicki gedreht (
HOROSKOP). Hierbei hat er die bereits von Kieslowski gedrehten Materialien eingespannt. (Auszeichnungen: 1974 - 11.
MFFK Krakau, "Der goldene Drache" Sonderpreis des Vorsitzenden des Rundfunk- und Fernsehkomitees; 14.
OFFK Krakau, Grand Prix "Der goldene Lajkonik" , Grand Prix des Kulturministers; 1975 - Preis des Vorsitzenden des Rundfunk- und Fernsehkomitees)

1975
ZYCIORYS / DER LEBENSLAUF (45-minütiger Film; 28-minütige Kurzfassung:
KROTKI ZYCIORYS / DER KURZLEBENSLAUF; Drehbuch zusammen mit Janusz Fastyn). Inszenierter Dokumentarfilm. Bericht über die Sitzung einer regionalen Parteiprüfkommission, die den Widerruf eines Arbeiters gegen sein Parteiausschlußverfahren entscheiden soll. Obgleich die Person des Arbeiters sowie seine Biographie erdacht sind, wandelt sich die Sitzung zu einem Gericht über den ungehorsamen Menschen, der etwas bewirken will. Der Film zeigt, wie Menschen zerstört werden, die im Namen ihrer ethischen Grundwerte Ungehorsam leisten. Als Auftragswerk der kommunistischen Partei Polens wurde es als Aubildungsfilm bei Parteivorführungen für ihre Mitglieder gezeigt. (Auszeichnungen: 1975 - Warschauer Sirene- Preis des Filmkritikerclubs SDP, 15.
OFFK Krakau, Der bronzene Lajkonik;
IFF Mannheim, Grand Prix;
FPFF Danzig, Erster Preis im Bereich des Fernsehfilmes).

1976
SZPITAL / DAS KRANKENHAUS. Gedreht in der chirurgischen Notaufnahme des Warschauer Krankenhauses in der ul. Barska. Gezeigt wird das heroische Verhalten der Ärzte, die im kommunistischen Polen über die nichts verfügen und unter schwersten Umständen arbeiten müssen und die trotzdem das menschenmögliche versuchen, um ihren Patienten zu helfen. (Auszeichnungen: 1977 - 16.
IFFK Krakau, Grand Prix "Der goldene Drache "; Warschauer Sirene- Preis des Filmkritikerclubs SDP "Die Warschauer Sirene")

1976
KLAPS / DER KLAPS. Eine Kurzimpression entstand aus Ausschnitten des Spielfilmes Kieslowskis
BLIZNA / DIE NARBE.

1977
Z PUNKTU WIDZENIA NOCNEGO PORTIERA / VOM STANDPUNKT EINES NACHTWÄCHTERS. Das Porträt eines Fabrikwächters Marian Osuch, eines Disziplinfanatikers, der die totale Kontrolle über jeden und alles zum obersten Prinzip erhebt. Eine Metapher auf das totalitäre System anhand des Porträts eines durchschnittlichen, gleichzeitig jedoch eines beispielhaften Befürworters des staatlichen Terrors. Einer der wenigen Filme Kieslowskis, dessen Protagonist eine eindeutig negative Hauptperson ist. (Auszeichnungen: 1979 - 19. OFFK Krakau, Grand Prix "Der goldene Lajkonik" - zusammen mit dem Film
SIEDEM KOBIET W ROZNYM WIEKU / SIEBEN FRAUEN VERSCHIEDENEN ALTERS;
IFFK Krakau, der FIPRESCI-Preis; IFF Nyon, "Silberne Taube";
IFFKID Lille, der Jury-Preis)

1977
NIE WIEM / WEISS NICHT (Arbeitstitel "Zyc czy spac - Leben oder schlafen"). Der Bericht des entlassenen Betriebsdirektors der Lederfabrik "Renifer" handelt von der Betriebsrealität voller Korruption und Intrigen. Ein Porträt kranker polnischer Wirtschaft und Realität der 60er Jahre. Premiere 1981.

1978
SIEDEM KOBIET W ROZNYM WIEKU / SIEBEN FRAUEN VERSCHIEDENEN ALTERS. Das Porträt von sieben verschiedenen Tänzerinnen, angefangen mit einem Teenager bis hin zu einer Frau, die sich gerade beruflich zurückzieht, so dass eine Gesamtdarstellung des Lebens einer Tänzerin mit allen Alters- und Entwicklungsstufen entsteht. Eine poetische Erzählung über die Vergänglichkeit. Premiere 1981. (Auszeichnungen: 1979 - 19.
OFFK Krakau, "Der goldene Lajkonik" - zusammen mit dem Film
Z PUNKTU WIDZENIA NOCNEGO PORTIERA / AUS DEM STANDPUNKT EINES NACHTWÄCHTERS.

1980
DWORZEC / DER BAHNHOF. Der Warschauer Hauptbahnhof, das Vorzeigegebäude des Gierek-Polen. Die Realität eines Bahnhofslebens (Polens) weicht von ihrer propagandistischen Widergabe in den Fernsehgeräten am Bahnhof vollkommen ab.

1980
GADAJACE GLOWY / SPRECHENDE KÖPFE. Kurzinterviews von Menschen mit verschiedenen Berufen, verschiedenen Alters, angefangen mit einem Einjährigen bis hin zu einer einhundert Jahre alten Greisin. Sie antworten auf die Fragen: Wann bist Du geboren? Wer bist Du? Was ist das Wichtigste für Dich? Eine Aneinanderreihung sprechender Köpfe, umrahmt von Informationen zu ihrem Geburtsjahr. Hoffnungen und Probleme von Menschen verschiedenen Alters bilden eine Erzählung vom Menschenleben, in dem ein Zweijähriger davon träumt, ein ... Feuerwehrauto zu werden und die hunderjährige Greisin, noch länger zu leben. Gleichzeitig ist es eine Erzählung über ihr Vaterland Polen, darüber, wie sie sich dieses Land vorstellen und was sie daran ändern möchten. Der Titel hat einen tieferen Sinn - so nannte einst Zygmunt Kaluzynski in einer negativen Kritik das Werk Kieslowskis. Bei diesem Film schien Kieslowski die Ereignisse vom August 1980, als die Polen anfingen, offen über notwendige Änderungen im Land zu sprechen, vorzuahnen. (Auszeichnungen: 1981 -
IFF, Oberhausen, Ehrenauszeichnung)

1988
SIEDEM DNI TYGODNIA / SIEBEN TAGE IN DER WOCHE (
SEVEN DAYS A WEEK: WARSAW, SEMAINE A VARSOVIE) - der Film wurde im Rahmen des internationalen Zyklus City Life gezeigt. Sieben Familienmitglieder werden in ihrem Alltag an allen sieben Wochentagen gezeigt. Am Sonntag kommen sie alle zu einem gemeinsamen Frühstück zusammen. Das Porträt einer durchschnittlichen polnischen Familie. Beinahe ohne Dialoge. Niederländische Produktion.
Spielfilme

1973
PRZEJSCIE PODZIEMNE / DIE UNTERFÜHRUNG (Drehbuch zusammen mit Ireneusz Iredynski) - Fernsehfilm. Ein junger Lehrer aus der Provinz reist nach Warschau, wo er in einer unterirdischen Passage durch Zufall seine Frau trifft, die ihn vor einiger Zeit verlassen hat. Der Lehrer versucht, die vergangenen Gefühle wieder wach zu kriegen, die beiden sind jedoch nicht mehr imstande, eine gemeinsame Basis zu finden. Die Frau hat sich bereits durch das Leben in einer Großstadt verändert: sie ist zynisch und gefühlskalt geworden. Der Film handelt von einer Wertekrise. Gedreht wurde er in einem halbwegs dokumentarischen Stil: Handkamera, Montage, der Erzählungsstil. Dadurch scheint die widergegebene Realität authentisch zu sein. Ein Psycho-Drama über die Unmöglichkeit des Verstandenwerdens.

1975
PERSONEL / DAS PERSONAL - Fernsehfilm. Der Film spricht auch die eigene Geschichte von Kieslowski an, der, wie der Protagonist Romek Januchta, einst als Theatergarderobier gearbeitet hatte. Im Film spielten mehrheitlich keine professionellen Schauspieler. Die Hauptrolle spielte beispielsweise Juliusz Machulski, damals noch Regiestudent im ersten Semester. Der Film wurde in authentischen Räumen und unter Teilnahme von echten Theaterschneidern gedreht - daher ähnelt er fast einem Dokumentarfilm. Der Film handelt von der undurchlässigen Grenze zwischen dem Personal und der Künstlerriege, von den Jugendträumen und ihrer Enttäuschung, von der ersten schwierigen Lebensentscheidung. (Verliehene Preise: 1975 -
INTERNTIONALE FILMWOCHE MANNHEIM, Grand Prix und Internationaler katholischer Filmpreis; Andrzej-Munk-Preis, verliehen von der Theater- und Filmhochschule in Lodz; "Samowar" - Preis der Kinofreunde verliehen vom DKF in Swiebodzin; 1976 -
FPFF Danzig, Erster Preis in der Kategorie des TV-Filmes und der Juornalistenpreis in der Kategorie des TV-Filmes; Die goldene Kamera der Zeitschrift "Film" in der Kategorie des Regiedebüts bei einem Spielfilm im Jahre 1975;
LUBUSER FILMSOMMER Lagow, Preis der Vereinigung der Filmdiskussionsclubs für das künstlerische Gesamtwerk, insbesondere für den Film
PERSONEL; 4.
KOSZALINER FILMTREFFS "DIE JUNEN UND DER FILM" Koszalin, Grand Prix "Großer Bernstein"; 1979 -
LLF Lagow, "Goldene Traube")

1976
BLIZNA/ DIE NARBE (Literaturverfilmung von Romuald Karas’ "Pulawy - rozdzial drugi"). Gesellschaftsdrama. Der Direktor eines Chemiekombinats leitet den Bau einer Chemiefabrik, dessen schlecht ausgewählte Lage Widerstände in der Bevölkerung weckt. Der Film gehört zum Bereich des sog. „Kinos der moralischen Unruhe“. Der Direktor sieht zwar die fatalen Folgen der Bauentscheidung, die zu Konflikten mit den Einwohnern und den Bauarbeitern führen muß, weicht jedoch nicht von seinem Standpunkt. Im Jahre 1970 ist er auf der Seite der aufständischen Arbeiter, später kehrt er jedoch enttäuscht zurück zu seiner in Schlesien lebenden Familie. (Auszeichnungen: 1976 -
FPFF Danzig, Sonderpreis der Jury; 1978 -
LLF Lagow, "Goldene Traube")

1976
SPOKOJ / GEFÄHRLICHE RUHE (Literaturverfilmung der Novelle "Krok za brame" [Ein Schritt hiner das Tor] aus der Sammlung "Noc gitarzystow" [Die Nacht der Gitarrenspieler] von Lech Borski) - Fernsehfilm. Dieser Film wird als Vorreiter für das sogenannte „Kino der moralischen Unruhe“ angesehen. Die Geschichte erzählt von einem jungen Arbeiter Antoni Gralak, der nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis ein ruhiges Leben anfangen will. Die Realität des kommunistischen Polens verwickelt ihn jedoch in Konflikte sowohl mit seinen Kollegen auf dem Bau, die einen Streik organisieren, als auch mit seinen Vorgesetzten, die ihn zum Denunzieren verleiten wollen. Das Ende ist tragisch. Fernsehpremiere im Jahre 1980. (Auzeichnungen: 1981 -
FPFF Danzig, Sonderpreis der Jury, Der goldene Bildschirm der Wochenzeitschrift "Ekran")

1979
AMATOR / DER FILMAMATEUR. Einer der besten Filme aus dem Bereich des sogenannten Kinos der moralischen Unruhe. Die Geschichte erzählt von einem Filmamateur. Filip Mosz arbeitet als Einkäufer bei einem Betrieb. Er kauft sich eine Kamera, um das Heranwachsen seiner neugeborenen Tochter zu dokumentieren. Er fängt mit den Aufnahmen des Kindes an, dann filmt er jedoch auch seinen Betrieb und die Stadt. Es stellt sich heraus, dass man mit den Bildern entweder Wahrheit oder Lügen verbreiten kann. Mosz will die Wahrheit sagen. Der Preis, den er dafür zahlen muß, ist das Auseinanderfallen der Familie, Auseinandersetzungen mit anderen Menschen, Schwierigkeiten. Die Schlußsequenz ist symbolisch, Mosz richtet die Kamera auf sich selbst ein und fängt an, sein Leben zu erzählen. Der Film handelt von der Frage nach dem Stellenwert der Kunst in heutiger Welt, von Courage, von Kompromisslosigkeit, von Grenzen der Verantwortung für das gesprochene Wort, schließlich von dem Preis der künstlerischen Freiheit. (Auszeichnungen: 1979 -
FPFF Danzig, Grand Prix für den besten Film, 11.
INTENRATIONALER FILMFESTIVAL IN MOSKAU, Goldene Medaille und der FIPRESCI-Preis;
IFF "CZLOWIEK-PRACA-TWORCZOSC" (Mensch-Arbeit-Schaffen), Lublin, Zuschauerpreis;
KSF "MLODZI I FILM", Koszalin, "Bernstein-Preis" für die Beschreibung von einem besonders bei der ideellen, moralischen und intellektuellen Entwicklung der jungen Generation wichtigen Bereich; 1980 -
IFF Berlin, Preis des internationalen evangelischen Jurys "Interfilm";
IFF Chicago, Grand Prix "Der goldene Hugo")

1981
KROTKI DZIEN PRACY / EIN KURZER ARBEITSTAG (Drehbuch zusammen mit
Hanna Krall, basierend auf ihrer literarischen Reportage "Widok z okna na pierwszym pietrze" [Die Sicht aus dem im ersten Stockwerk]) - Fernsehfilm (Premiere 1996). Die 1976 blutig niedergeschlagenen Unruhen in Radom werden aus der Sicht des örtlichen Parteisekretärs Waclaw Ulewicz gezeigt, der in dem von den Demonstranten belagerten Gebäude des Wojewodschaftsparteikomitees festsitzt. Neben den Schauspielern tritt im Film auch der sich selbst darstellende Tadeusz Mazowiecki.

1981
PRZYPADEK / DER ZUFALL MÖGLICHERWEISE - Premiere im Jahre 1987. Drei parallel zueinander verlaufenden Geschichten eines jungen Mannes, Witek Dlugosz. Am Anfang jeder kauft der Protagonist eine Bahnfahrkarte. In der ersten Geschichte schafft er es, rechtzeitig einzusteigen und lernt im Zug einen Altkommunisten kennen, der es schafft, aus Witek einen Parteiaktivisten zu machen. In der zweiten Geschichte wird er nach einer Rangelei auf dem Bahnsteig von der Miliz festgenommen, verurteilt und wird dadurch zu einem aktiven Oppositionellen. In der dritten Geschichte verpaßt er den Zug und trifft dadurch eine Frau, verliebt sich und führt ein gewöhnliches Leben. Die erste und die zweite Geschichte endet mit dem Durcheinander und Enttäuschung des Protagonisten im August 1980. Die - anscheinend glückliche - dritte Geschichte endet mit dem Tod des Witek in einer Flugzeugkatastrophe. Der Zufall als der unberechenbare Regisseur menschlichen Schicksals. (Auszeichnungen: 1987 -
IFF Moskau, Preis der Vereinigung Russischer Filmschaffender,
FPFF Danzig, Preis für das Drehbuch)

1985
BEZ KONCA / OHNE ENDE (Drehbuch zusammen mit Krzysztof Piesiewicz). Das Kriegsrecht wird in Polen verhängt. Eine junge Frau kann den Tod ihres Ehemannes, eines Verteidigers in Politprozessen, nicht überwinden. Der Geist des Verstorbenen tritt in ihr Leben ein - sie spürt stets seine Gegenwart. Die Sehnsucht nach dem toten Ehemann treibt sie schließlich in den Selbstmord. Der persönliche Plot der Protagonistin kreuzt sich mit der Geschichte eines Politprozesses gegen einen jungen Arbeiter und mit den Überlegungen zum politischen Verhalten der Gesellschaft sowie der anwältlichen Berufsethik.

1988
KROTKI FILM O ZABIJANIU / EIN KURZER FILM ÜBER DAS TÖTEN (Drehbuch zusammen mit Krzysztof Piesiewicz) - Kinoversion des fünften Teils des Fernsehzyklus
DEKALOG. Ein Jugendlicher tötet anscheinend grundlos einen Taxifahrer. Er wird in einem Gerichtsprozeß zum Tode verurteilt. Das Urteil wird vollstreckt - seine penible Darstellung im Film soll einen Prostest der Autoren gegen die Todesstrafe darstellen. (Auszeichnungen: 1988 -
FPFF Danzig, Grand Prix für den besten Film,
IFF Cannes, großer Preis der Jury und FIPRESCI-Preis, Europäischer Filmpreis "Felix", Auszeichnung des Vorsitzenden der Kinematographie für das Jahr 1987; 1989 - Die goldene Ente in der Kategorie des besten polnischen Filmes im Jahre 1988, verliehen von der Wochenzeitschrift "Film")

1988
KROTKI FILM O MILOSCI / EIN KURZER FILM ÜBER DIE LIEBE (Drehbuch zusammen mit Krzysztof Piesiewicz) - Kinoversion des sechsten Teils des Fernsehzyklus
DEKALOG. Ein junger Postangestellter beobachtet heimlich durch ein Teleskop seine attraktive Nachbarin. Die Neugier des unerfahrenen jungen Mannes wird zu einer Obsession. Die Frau kennt jedoch nichts anderes als Zynismus im Gefühlsleben. Liebe ist für sie lediglich auf Sex reduziert. Daher erkennt sie das ihr entgegengebrachte Gefühl der Liebe erst, wenn es zu spät ist. (Auszeichnungen: 1988 -
IFF San Sebastian, Sonderpreis der Jury, FIPRESCI-Preis und OCIC-Preis der Internationalen Katholischen Kinoorganisation,
IFF Chicago, Auszeichnung,
FPFF Danzig, Grand Prix für den besten Film und das beste Drehbuch; 1989 -
FESTIVAL "STERNE VON MORGEN" Genf, Regiepreis, Vorsitzenden des Kinematographiekomitees,
IFF Sao Paulo, Preis der Filmkritik,
FF Straßburg, Preis der Stadt Schiltigheim, 1990 - "Das goldene Band", verliehen vom Literaturkreis SFP in der Kategorie des polnischen Filmes im Jahre 1989)

1988
DEKALOG (Drehbuch zusammen mit Krzysztof Piesiewicz). Insgesamt zehn Fernsehfilme, derer Botschaften in manchmal eher übertragenem Sinne die zehn Gebote, den Basisverhaltenskodex der jüdischen Religion und des christlichen Glaubens.
- DEKALOG, EINS - Ein junger Wissenschaftler glaubt uneingeschränkt an die von ihm am Computer erstellten Berechnungen über die Widerstandsstärke des Eises. Leichtsinnig erlaubt er seinem Sohn, Schlittschuh zu fahren. Das Eis bricht, das Kind ertrinkt, der Vater fühlt sich schuldig. Die Forschung kann uns keine endgültigen Antworten liefern, denn immer können unvorgesehene Begleitumstände auftreten, die von höherer Gewalt getragen werden.
- DEKALOG, ZWEI - Ein todeskranker Mann kämpft im Krankenhaus ums Überleben. Seine junge Frau ist schwanger, das Kind ist jedoch nicht von ihm. Die Entscheidung, das Kind zur Welt zu bringen will sie davon abhängig machen, ob ihr Mann überlebt oder nicht. Vom leitenden Arzt will sie es genau wissen. Der Arzt wählt bewusst die Antwort, die die Frau von der Abtreibung abhalten soll.
- DEKALOG, DREI - Eine Frau wird von ihrem Liebhaber verlassen, der sich für seine Familie entscheidet und nunmehr ein Musterehemann ist. Sie leidet unter schweren Depressionen und unternimmt in diesem Zustand ein riskantes Spiel mit dem Leben. Sie will sich umbringen, sollte sie es nicht schaffen, den sie einst liebenden Mann dazu zu bringen, die Nacht vor dem Weihnachtsfest mit ihr zu verbringen. Es gelingt ihr auf eine eigentümliche Art und Weise, durch List und Lüge. Die Wette mit dem Schicksal verliert sie dennoch und nimmt Abstand von ihrem Selbstmordplan.
- DEKALOG, VIER - Dem Vater und seiner Tochter wird es langsam bewußt, daß ihre Beziehung weit über eine familiäre Bindung hinausgeht. Bisher hatten beide nicht den Mut dazu, dies zuzugeben. Das Mädchen studiert an einer Theaterhochschule. Sie provoziert eine Situation, in der sie dem Vater zum Bekenntnis seiner Gefühle ihr gegenüber bringen will. Sie zeigt ihm einen gefälschten Brief der vor Jahren verstorbenen Mutter, aus dem hervorgeht, daß er nicht ihr leiblicher Vater ist. Sie lernt die wahren Gefühle des Vaters ihr gegenüber kennen und ihre Erwartungen werden erfüllt. Gleichzeitig werden sich jedoch beide dessen bewusst, dass unabhängig von den tatsächlichen Gegebenheiten sie Vater und Tochter füreinander bleiben. Der wahre Brief der Mutter wird ungelesen vernichtet.
- DEKALOG, FÜNF - Fernsehfassung von KROTKI FILM O ZABIJANIU / EIN KURZER FILM ÜBER DAS TÖTEN
- DEKALOG, SECHS - Fernsehfassung von KROTKI FILM O MILOSCI / EIN KURZER FILM ÜBER DIE LIEBE
- DEKALOG, SIEBEN - Eine Mutter versuchte vor Jahren ihre nicht volljährige Tochter vor einem Skandal zu bewahren, indem sie von ihr zur Welt gebrachte Kind als ihr eigenes ausgab. Nach Jahren will die nun erwachsene Tochter ihr Kind zurück. Sie fühlt sich dessen beraubt. Das wenige Jahre alte Kind wird zu einem Streitobjekt, einer Sache, die unterschlagen und weggenommen werden kann.
- DEKALOG, ACHT - Eine Ethik-Professorin hat während des zweiten Weltkrieges einem jüdischen Mädchen Hilfe versagt, da sie damals hierfür hätte lügen müssen. Sie suchte nach einer Entschuldigung hierfür in den steif und gefühllos interpretierten Prinzipien. Diese Entscheidung warf einen Schatten über ihr ganzes Leben.
- DEKALOG, NEUN - Die Krankheit des Ehemannes macht das sexuelle Leben des Ehepaares unmöglich. Doch wirklich destruktiv für die Beziehung wirkt sich seine Eifersucht aus. Der Film wird oft als "Ein kurzer Film über die Eifersucht" bezeichnet.
- DEKALOG, ZEHN - Zwei Brüder erben von ihrem Vater eine wertvolle Briefmarkensammlung. Der Wert der Sammlung weckt eine Obsession bei ihnen - um jeden Preis wollen sie diese um eine fehlende Briefmarke vervollständigen. Einer der Brüder verkauft hierfür seine Niere. Wie absurd es ist, wird deutlich, nachdem die Sammlung gestohlen wird.
(Auszeichnungen: 1989 - IFF Venedig, FIPRESCI-Preis sowie der "Young Cinema"-Preis; WORLD FILM FESTIVAL MONTREAL, Kritikerpreis; INTERNATIONAL FILMS MEETING, Dunkirk, Kritikerpreis; IFF SAN SEBASTIAN, OCIC-Preis der Internationalen katholischen Filmorganisation; IFF SAO PAULO, Kritikerpreis; 1990 - Der goldene Bildschirm für das Jahr 1989, verliehen von der Wochenzeitschrift "Ekran" für die Regie bei DEKALOG; "Das goldene Band", Preis der Vereinigung italienischer Filmkritiker für den besten in Italien ausgestrahlten Film; 1994 - Preis der Stiftung "Bibel und Kultur" in Stuttgart für die aktuelle Problematik,vor allem für den DEKALOG; 2000 - Sonderpreis der amerikanischen Vereinigung der Filmkritiker - NSFC, für ausragende Leistungen im Bereich des ausländischen Films) Produktion: Polen, West-Berlin.

1991
PODWOJNE ZYCIE WERONIKI (LA DOUBLE VIE DE VERONIQUE) / ZWEI LEBEN DER VERONIKA (Drehbuch zusammen mit Krzysztof Piesiewicz). Zwei identisch aussehende junge Frauen, mit demgleichen Vornamen und ähnlichem Charakter, leben in zwei verschiedenen Ländern. Sie kennen einander nicht und trotzdem verbinden sie starke psychische Bände, die sie nur erahnen können. Als die polnische Veronika aufgrund der Überbelastung durch den von ihr ausgeübten Gesang stirbt, empfängt die französische Namensvetterin ein Zeichen und beendet ihre Gesangslaufbahn. (Auszeichnungen: 1992 - Goldene Ente des Zeitschrift "Film" im Bereich des besten polnischen Films im Jahre 1991,
IFF Cannes, Auszeichnung der ökomenischen Jury) Produktion: Polen, Frankreich.

1993
DREI FARBEN: BLAU / TROIS COULEURS. BLEU (Drehbuch zusammen mit Krzysztof Piesiewicz). Nach dem Unfalltod von ihrem Mann und Tochter kann Julie lange keinen Sinn in ihrem Leben erkennen. Sie ist zwar frei, kann jedoch nach dem Schicksalsschlag lange nicht die Kraft finden, diese Freiheit zu leben. (Auszeichnungen: 1993 -
IFF in Venedig, Der goldene Löwe; 1994 - Nominierung zum Cäsar-Preis, der Auszeichnung der französischen Akademie der Filmkünste in drei Kategorien: bester Film, Regie und Drehbuch; Tarnow, Tarnower Filmpreis - Maszkaron - Publikumspreis; Goldene Ente verliehen von der Zeitschrift "Film" - Sonderpreis für das Jahr 199. Produktion: Polen-Frankreich.

1994
DREI FARBEN: WEISS / TROIS COULEURS. BLANC (Drehbuch zusammen mit Krzysztof Piesiewcz). Eine attraktive Französin verläßt ihren Mann, einen Immigranten aus Polen. Sicherlich hält sie sich für etwas besseres als den uninteressanten Friseur. Der verzweifelte Pole wird sie jedoch noch mit seiner List verblüffen. Er rächt sich nur, um es sich selbst zu beweisen und von der Frau bewundert oder sogar geliebt zu werden. Kieslowski betonte, daß er sich bei diesem Film Mittel aus dem Bereich der Komödie bediente, was für ihn eher untypisch war. (Auszeichnungen: 1994 -
IFF Berlin, Silberner Bär für Regie; 1995 - Goldene Ente verliehen von der Zeitschrift "Film" im Bereich des besten polnischen Films im Jahre 1994) Produktion: Polen, Frankreich.

1994
DREI FARBEN: ROT / TROIS COULEURS. ROUGE (Drehbuch zusammen mit Krzysztof Piesiewicz). Eine Erzählung von der Suche nach der "besseren Hälfte" voller Symbole und wiederkehrenden Zeichen. Die Geschichte der Protagonisten soll den Zuschauer davon überzeugen, dass das Schicksal perfekte Paare vorgesehen hat, diese sich jedoch in Raum und Zeit verfehlen und niemals zueinander finden können. Um die Chance nicht zu verpassen, muß man deshalb aufmerksam auf die verschlüsselten Zeichen achten. (Auszeichnungen: 1994 - Oscar-Nominierung für das Drehbuch und Regie sowie die Aufnahmen von Piotr Sobocinski, BAFTA-Nominierung (Preis der Britischen Filmakademie) in der Kategorie des Drehbuchs und Regie, Cäsar-Nominierung (Auszeichnung der französischen Filmakademie) i der Kategorie Drehbuch und Regie, G. Meliesa-Preis) Produktion: Polen, Frankreich
Andere

Krzysztof Kieslowski führte auch Regie bei TV-Theaterproduktionen:
POZWOLENIE NA ODSTRZAL / ABSCHIESSEN ERLAUBT (nach Zofia Posmysz, 1972),
SZACH KROLOWI (basierend auf der "Schachnovelle" von Stefan Zweig, 1973),
KARTOTEKA / KARTOTHEK (basierend auf dem Theaterstück von
Tadeusz Rozewicz, 1976) und
DWOJE NA HUSTAWCE / ZWEI AUF DER SCHAUKEL (nach William Gibson, 1976). Er hat auch das eigene Theaterstück
ZYCIORYS / DER LEBENSLAUF (basierend auf dem eigenen Film mit demgleichen Titel) im Stary Teatr in Krakow aufgeführt.

Basierend auf Kieslowskis Drehbüchern wurden mehrere Filme gedreht. Im Jahre 2000 drehte Jerzy Stuhr den Film
DUZE ZWIERZE / Das große Tier (nach einer Erzählung von Kazimierz Orlos "Wielblad" (Das Kamel)). Im Jahre 2001 entstand in Deutschland/Italien anhand des Drehbuchs von Kieslowski und Piesiewicz der Film
NIEBO / HEAVEN. Regie führte hierbei der deutsche Regisseur Tom Tykwer (basierend auf dem Drehbuch von "Raj - Der Himmel").

Über Kieslowski selbst sind einpaar Dokumentarfilme entstanden:
I'M SO-SO aus dem Jahre 1995 und
KIESLOWSKI I JEGO "AMATOR" / Kieslowski und sein Filmamateur aus dem Jahre 1999 - beide Filme wurden von Krzysztof Wierzbicki gedreht,
LEKCJA KINA / Eine Kinolehrstunde - von Dominique Rabourdin aus dem Jahre 1996,
OSTATNIE SPOTKANIE Z KRZYSZTOFEM KIESLOWSKIM / Mein letztes Treffen mit Krzysztof Kieslowski - von Mikolaj Jazdon aus dem Jahre 1996.
Ewa Nawoj und Jan Strekowski Mai 2004 | |