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Anthologie der polnischen Dichtung
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"Wir sind in unserer Literatur so erschütternde Phänomene, so starke Entladungen, wie Witold Gombrowiczs Roman 'Ferdydurke' schon lange nicht mehr gewohnt. Was wir hier erleben, ist eine eindrucksvolle Manifestierung schriftstellerischen Talents, eine neue und revolutionäre Form und Methode des Romans und nicht zuletzt eine fundamentale Entdeckung, die Erschließung eines neuen Bereichs geistiger Phänomene, eines herrenlosen Gebiets, in dem bisher nur der zwanglose Witz, der Kalauer und der Nonsens hausten." schrieb Bruno Schulz in seiner Rezension.1938 erschien Gombrowiczs erstes Theaterstück YVONNE, DIE BURGUNDERPRINZESSIN / IWONA, KSIEZNICZKA BURGUNDA, eine Groteske zum Thema Form, Tradition und Zeremonie, ihrer Ausbreitung und ihrer Herrschaft über das Individuum, das sich von ihnen nicht befreien kann und darf. Dem Text wurde jedoch keine besondere Aufmerksamkeit zuteil.
"Gombrowicz lebte lange Jahre, fast bis zum Ende seiner argentinischen Emigration, an der Grenze zur Armut. Er hatte seinen Stammtisch in einem billigen Cafe in Buenos Aires, wo er mit seinen jüngeren Freunden, von denen damals noch niemand Schriftsteller war, Schach spielte. Seite für Seite, Satz für Satz übersetzte er damals 'Ferdydurke' ins Spanische. Seitdem er Polen verlassen hatte, war keines seiner Bücher mehr dort erschienen. 'Yvonne...' war nie aufgeführt worden. Es dauerte lange Jahre, bis er endlich Weltruhm erlangte."Erst Mitte der 50er-Jahre kam es zu einer polnischen Neuauflage von FERDYDURKE, außerdem erschien das 1946 in Argentinien geschriebene Theaterstück DIE TRAUUNG / SLUB und dessen französische Übersetzung.
"Das Stück ist eine groteske und doch streng homologe Transponierung von Ereignissen, die in unterschiedlicher Form in zahlreichen Ländern Mitteleuropas und in Russland stattfanden, Ereignisse, die selbstverständlich in der aristokratischen und christlichen Vision Gombrowiczs dargestellt werden. (...) Wenn man das Groteske als gemeinsames Merkmal der beiden Werke ('Yvonne...' und 'Die Trauung') ansieht, so nimmt dieses Groteske in 'Die Trauung' eindeutig traumhafte Züge an (...). Im Jahr 1935 stellt Gombrowicz eine Gesellschaft auf die Bühne, in der er selbst lebt und der er immer noch angehört; im Jahr 1946 rekonstruiert er jenen historischen Prozess, der in seiner Vision zur Auflösung der Geschichte führte, bereits aus der Distanz." - schrieb Lucien Goldmann in seinem Vergleich von YVONNE... und DIE TRAUUNG.Der Weltruhm Gombrowiczs fiel in die 60er-Jahre. In dieser Zeit erschienen die in Paris herausgegebenen Romane PORNOGRAPHIE / PORNOGRAFIA und KOSMOS / KOSMOS sowie die TAGEBÜCHER, die von vielen Literaturexperten als das herausragendste Werk Gombrowiczs angesehen werden. Außerdem OPERETTE / OPERETKA, ein groteskes Bühnenstück über die Geschichte und die Revolutionen des 20. Jahrhunderts:
"Warum gerade die Operette? Warum verbindet sie sich für Gombrowicz mit der zeitgenössischen Kunst, wo doch kein Theatermensch, der etwas auf sich hält, sich dort blicken ließe, wo sie ihre albernen Rituale zelebriert?" fragte sich Jan Bonski. "Ich meine deshalb, weil die Operette (...) die am stärksten konventionalisierte Bühnengattung ist. Nirgends ist die Geste sparsamer, nirgends setzt sich das Stereotyp so unverschämt in Szene."In dieser Zeit fanden Gombrowiczs Theaterstücke endlich auch ihren Weg in die Schauspielhäuser, auch - mit einigen Schwierigkeiten - in die polnischen. In diese Zeit fiel auch Gombrowiczs Rückkehr nach Europa: nach einem einjährigen Stipendium in Westberlin lebte er schließlich in Südfrankreich, wo er 1969 starb und beigesetzt wurde.
"Gombrowicz war ein Schriftsteller - und Mensch - der sich um keinen Preis beugen wollte... der die eigene Fantasie und Originalität nicht preisgeben wollte... egal welchen Menschen, Gottheiten, Gesellschaften oder Doktrinen. Man kann und muss hinzufügen: auch die eigene Kultur wollte er nicht preisgeben, die Zweitrangigkeit seiner Heimat nicht akzeptieren." (Jan Blonski, "Über Gombrowicz" in: "Gombrowicz und die Kritiker")..
"Das Werk Gombrowiczs lässt sich nicht an den vergehenden Jahrzehnten messen. Es ist ein Denkmal der polnischen Prosa, ein Teil jenes Ganzen, zu dem auch Pasek und Sienkiewicz gehören. Dreißig Jahre nach seinem Tod kann man sich lediglich fragen, wie sich das heutige Polen zu dem Polen verhält, mit dem er kämpfte, als er versuchte, den Begriff des Vaterlandes durch den des Sohnes-Landes zu ersetzen. Ist es das gleiche, ist es ihm ähnlich, ist es ein ganz anderes? Auf diese Frage gibt es wohl keine Antwort, umso mehr als sich Polen in keinem literarischen Werk der letzten Jahre 'in seinem innersten Wesen' gezeigt hat." (Czeslaw Milosz)
"Die heutige polnischen Theaterszene ist mit Gombrowicz durchsetzt: von Jurek Grotowski (ohne Gombrowicz gäbe es kein 'Apocalypsis cum figuris' - sagte einst Puzyna) bis Grzegorz Jarzyna. Niemand sucht nach '89 mehr bei Gombrowicz einen Halt gegen die sowjetischen Lügen und nicht bei ihm sucht die Jugend ihre Inspiration zur Revolte; doch als Muster des einsamen, unabhängigen Intellektuellen, kompromisslos und ehrlich bis an die Schmerzgrenze, ist er nicht zu ersetzen. Er hat unsere polnischen Komplexe attackiert, sie demaskiert und uns so gewissermaßen von ihnen befreit, uns europäisiert" (Jerzy Jarocki)
