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Anthologie der polnischen Dichtung



02.09.2010

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Jarosław Klejnocki
POLNISCHE DICHTUNG IN DEN LETZTEN ZWANZIG JAHREN DES 20. JAHRHUNDERTS
Sprachen:  polski  english  français  deutsch  español 
Inhalt: Unter den Schwingen von Nobelpreisträgern | Geschichte, Politik, Literatur | Gegenpole der polnischen Dichtung | Poesie nach der Wende | Ende des Jahrhunderts und Große Meister | Aktivisten, Emigranten, Beobachter | Die sogenannte "bruLion-Generation": Die O'Hara'sche Strömung - Die klassizistische Strömung - Die Avantgarde Strömung | Postskriptum | Zusätzliche Informationen: Biographische Notizen, Die wichtigsten Preise, verliehen an polnische Dichter in den 90er Jahren

Unter den Schwingen von Nobelpreisträgern

Die Dichtung nimmt seit mindestens zweihundert Jahren eine Sonderstellung in der polnischen Literatur ein. Nachdem die Nation im Jahre 1795 die Unabhängigkeit und folgerichtig ihren eigenen Staat samt all seinen Institutionen verloren hatte, wurde die Dichtung für über ein Jahrhundert - bis zur Wiedererlangung der Unabhängigkeit durch Polen 1918 (dank des glücklichen Ausgangs des 1. Weltkriegs) - zu einem Träger des nationalen Bewusstseins. Sie war es, die in der Pflicht stand, die bürgerlich-patriotischen Haltungen zu gestalten, eben in ihr haben die Polen in den dramatischsten Momenten ihrer Geschichte nach Trost und Mut gesucht. Der Dichter erfreut sich in Polen immer noch einer besonderen Achtung, jedoch wird von ihm aber auch ein "ernsthaftes" Schreiben erwartet. Man kann die These riskieren, dass selbst dann, wenn dem polnischen Dichter nach Scherzen zumute ist, die Leser von ihm Scherze über Themen erwarten, die als wichtig gelten, also bürgerliche, gesellschaftliche, philosophisch-existentielle Scherze. Die reine Unterhaltungslyrik, die an sich ein Spiel ist, wird im Prinzip mit einem Gemisch von Misstrauen und Geringschätzung aufgenommen. Es kann wohl gesagt werden, daß die Polen ihre Prosaisten schätzen, ihre Dichter aber lieben und von ihnen originelle Botschaften erwarten. Die führende Stellung der Dichtung in der Kultur ist in einem bestimmten Sinn eine polnische Besonderheit, die, wie bereits gesagt, gewissermaßen aus historischen Voraussetzungen, aber auch aus bestimmten vergänglichen, wenn auch klar bemerkbaren kollektiven Vorlieben folgt. Es ist sogar ein Scherz im Umlauf, der doch einen Bezug zur Wirklichkeit hat, dass der auffallendste Unterschied zwischen der französischen und der polnischen Literatur darin bestehe, dass in Frankreich 300 Romane und 30 Gedichtbände jährlich publiziert werden, und in Polen genau umgekehrt. Vereinfacht kann man sagen, dass die Polen fast "immer schon" lieber zu Gedichten als zur Prosa gegriffen haben, um darin Diagnosen aber auch - was ein wichtiger Umstand ist - Rührungen zu finden. Auch haben sie lieber zur Feder gegriffen, um sich in Gedichten zu äußern. Jan Blonski, Nestor der polnischen Literaturkritiker, behauptet sogar, dass "die gegenwärtige polnische Literatur auf Lyrik gebaut ist".

Geschichte, Politik, Literatur

In den letzten zwanzig Jahren scheinen zwei Ereignisse für die polnische Dichtung von fundamentaler Bedeutung zu sein. Das erste ist die Verleihung des Nobelpreises für die Literatur im Jahre 1980 an Czeslaw Milosz, das zweite - der Nobelpreis in derselben Kategorie für Wislawa Szymborska (1996). Bis dahin waren polnische Laureaten dieses Prestige-Literaturpreises Prosaisten (1905 Henryk Sienkiewicz, Autor des Romans QUO VADIS und 1925 Wladyslaw St. Reymont, Autor der Saga DIE BAUERN); die beiden Auszeichnungen für Dichter scheinen die Kraft und die Qualität der gegenwärtig an der Weichsel geschaffenen Lyrik zu bestätigen. Zumal die Preisträger ihre Federn nicht weggelegt haben und nach wie vor einige der wichtigsten polnischen Künstler und Intellektuellen bleiben. So kann zumindest die Bedeutung des Preises für Szymborska aufgefasst werden (ohne gleichzeitig außer Acht zu lassen, daß diese Auszeichnung ein Ausdruck der Anerkennung vor allem des individuellen, einzigartigen eigenen Schaffens eines Schriftstellers ist).

Der Preis für Milosz hat eine weitere wichtige Dimension, weil er mit bahnbrechenden politischen Ereignissen zusammengefallen ist. Nach Ende des 2. Weltkriegs blieb Polen, bis zu dem berühmten europäischen "Völkerherbst" Ende der 80er Jahre, im sowjetischen Einflussbereich, und die Kulturpolitik im Inland wurde von der kommunistischen Obrigkeit gestaltet. Die (politische und literarische) Opposition gegen diese Obrigkeit funktionierte im Exil (vor allem in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich) ab 1945, also praktisch ab dem Zeitpunkt, als sich die Teilung Europas infolge des Kalten Krieges herauskristallisiert hatte. Die Opposition im Inland entstand verständlicherweise langsamer; ihre organisierten Strukturen tauchten ernstlich Mitte der 70er Jahre auf und stießen auf Repressionen seitens des Regimes. Im August 1980, infolge erneuter gesellschaftlicher Proteste in der Nachkriegsgeschichte Polens und unter einer günstigen Zusammenwirkung verschiedener politischer Faktoren (es gehörte dazu u.a. der Beginn des Pontifikats des polnischen Papstes 1978, eine momentane Entspannung in der Welt, sowie das Engagement der Sowjetunion in der Militärintervention in Afghanistan) ist es im Inland zur Entstehung der unabhängigen Gewerkschaften (etwas komplett Neues in den kommunistischen Ländern) "Solidarnosc" und zu einer allgemeinen Lockerung der staatlichen Kontrolle über die Bürger (auch in der Sphäre der Kultur) gekommen. Der Nobelpreis für Milosz - der seit 1951 im Exil weilte und deswegen offiziell verschwiegen wurde - stellte eine enorme Stärkung der Freiheitsbestrebungen der Gesellschaft und eines ganz großen Kreises "einheimischer" Schriftsteller dar. Zwar unterbrach bereits im Dezember 1981 die kommunistische Obrigkeit dieses Freiheitsfestival, indem sie den Kriegszustand verhängte, die Saat der Freiheit war jedoch gesät. Die politischen Auseinandersetzungen zwischen der Obrigkeit und der Gesellschaft haben nach mehreren Jahren - bei gutem Willen beider Seiten - ihr Ende in friedlichen Verhandlungen gefunden, die eine allmähliche Rückkehr Polens in die Familie der demokratischen Länder im Jahre 1989 ermöglichten.

All diese Ereignisse: anderthalb Jahre einer relativen Freiheit (die staatliche politische Zensur erlaubte damals recht viel), dann die Nacht des Kriegszustands, schließlich die große Wende am Ende der 80er Jahre, die den Zusammenbruch des gesamten kommunistischen Blocks in Zentraleuropa mit sich gebracht hat - haben der zeitgenössischen polnischen Dichtung einen deutlichen Stempel aufgedrückt. Sie hat nämlich die Möglichkeit, schneller als andere Formen der Literatur auf laufende Ereignisse zu reagieren, wenn auch in der Natur der lyrischen Dichtung selbst eine Gemächlichkeit, Subtilität und Subjektivität liegt. Gerade das bezeichnet die Gegenpole der zeitgenössischen polnischen Poesie in den letzten zwanzig Jahren des 20. Jahrhunderts.

Gegenpole der polnischen Dichtung

Einen davon bildet die sozial und politisch engagierte Lyrik, eine "kämpfende Lyrik", die zu einer bestimmten Zeit die für die Gemeinschaft relevanten Fragen anspricht, und die auf alle wichtigeren Phänomene im Leben der Nation lebhaft reagiert. So einen Charakter hat ohne Zweifel die Dichtung in den 80er Jahren, es wird sogar von der Kategorie der "Kriegszustandsdichtung" gesprochen, also von einer offensichtlich besetzten Literatur, oft auf dem Niveau der Propaganda oder der gewöhnlichen politischen Satire.

Das öffentliche Leben mit seinen diversen Bedingungen hat jedenfalls dem Schaffen polnischer Schriftsteller in jener Zeit einen Stempel aufgedrückt. Schriftstellerische Karrieren der Dichter, die in den 70er Jahren debütiert haben - und sogleich ab sofort mit dem unabhängigen, zensurfreien Literaturbetrieb verbunden waren - z.B. von Tomasz Jastrun, Antoni Pawlak oder dem unter ihnen allen als der begabteste geltenden Jan Polkowski - sind schon auf ewig mit dem Odium jener Zeiten gekennzeichnet. Das machte es einerseits für diese Schriftsteller unmöglich, sich in der neuen Wirklichkeit wiederzufinden (Polkowski veröffentlicht im Prinzip seit Jahren nichts mehr) andererseits verurteilte es ihr Schaffen zu einer Rezeption im Kontext jener, mittlerweile historischen Trennlinien. Gleichzeitig ist es jedoch vielen prominenten Dichtern (z. B. Tadeusz Rozewicz, Adam Zagajewski, den beiden Nobelpreisträgern sowie den von den jüngsten Dichtern am meisten bevorzugten Bohdan Zadura und Piotr Sommer) gelungen, im Wahnsinn dieser Auseinandersetzungen eine Enklave von subjektiven, originellen künstlerischen Errungenschaften zu schaffen. Schon ab Mitte der 80er Jahre wird übrigens in der polnischen Kultur eine - im Laufe der Zeit immer größer angelegte - Diskussion stattfinden, deren Thema das notwendige Vermeiden einer übertriebenen Verwicklung der Kunst in laufende - und aus der Zeitperspektive häufig flüchtige und oberflächliche - Angelegenheiten sein wird.

Es erscheint einerseits eine Idee der Dichtung als der privaten, "nach innen gewandten", auf psychologisch-emotionale Selbstanalyse orientierten Expression, und andererseits eine Idee der Dichtung als derjenigen Kunstgattung, welche die für die menschliche Existenz wichtigsten Fragen (philosophische, religiöse, geistige Probleme) anspricht, ohne einen hohen Ton und etwas Erhabenes zu vermeiden. Das ist eben jener zweite Gegenpol der polnischen Lyrik und zwei vorherrschende Tendenzen in deren Entwicklung in den 90er Jahren. Beruft sich die "engagierte" Poesie gern auf die reiche Tradition der Romantik und der Unabhängigkeitskämpfe (aus der Zeit der aufeinanderfolgenden nationalen Erhebungen im 19. sowie der Kämpfe des Volkes in den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert), so wird die "private"/"philosophierende" Poesie gern in fremden Literaturen (z.B. in der nordamerikanischen, angelsächsischen) sowie in dem einheimischen Literaturgut, das wegen geschichtlichen Wirrwarrs nie allgemein bekannt werden konnte (z.B. in der futuristisch-dadaistischen Tradition vom Anfang des 20. Jahrhunderts) nach Inspiration suchen.

Poesie nach der Wende

Das Jahr 1989 hat der polnischen Poesie sowie der gesamten Kultur eine Menge Veränderungen gebracht. Bis heute dauern zwar Diskussionen unter Kritikern an, ob die politische Wende (eine samtene Evolution des Systems, die allen anderen - auch samtenen, wie in der Tschechoslowakei, oder blutigen, wie in Rumänien - in dieser Region Europas voraus war) ebenso intensive ästhetische Veränderungen in der Literatur hervorgebracht hat. Eines aber steht fest: Erstens, es veränderte sich die verlegerische Struktur, die Schirmherrschaft politischer Einrichtungen (sowohl des Regimes als auch der Opposition) über Literatur war vorbei und es trat ein echter Markt in Erscheinung. Die Prozesse des Literaturbetriebs sind somit kommerzialisiert worden. Einerseits hat dieseEntwicklung die Dichter mit ihrem Schaffen an den Rand des verlegerischen Gewerbes und seiner Werbemaschinerie getrieben, andererseits ist eine Dezentralisierung und Regionalisierung der Strukturen von Kultureinrichtungen erfolgt, was dem Dichter erlaubt, relativ einfach zu debütieren und ihm damit einen direkten Zugang zu der vermutlich kleinen, aber wohlbeschlagenen Leserschaft eröffnet. Die zweite Folge der Wende ist eine ziemlich radikale Veränderung der Lesererwartungen in Bezug auf die Poesie. In den 90er Jahren erwartet kaum jemand mehr von Gedichtbänden, dass sie eine Erklärung und irgendeine Synthese bringen, sei es die der Wirklichkeit, eine Synthese von Veränderungen in der Mentalität, eine geistliche oder aber eine zivilisatorische Veränderung. Diese Erwartungen werden nun eher mit der Epik verbunden, was eine recht typische Erscheinung für die neuzeitliche Kulturformation Europas ist. Drittens schließlich hat es jene Wende ermöglicht, die Errungenschaften der anerkannten Dichter aus der Distanz zu betrachten und somit eine - sei es auch nur pauschale - Zusammenfassung der Gewinne und Verluste sowie der Chancen und Gefahren der modernen polnischen Lyrik vorzunehmen.

Ende des Jahrhunderts und Große Meister

Aus der Perspektive der Jahrhundertwende können wir klar sehen, dass die polnische Poesie der letzten fünfzig Jahre das Privileg hatte, unter einer Vielzahl von Schriftstellern echte Perlen und Sterne hervorzubringen. Zwei Nobelpreise für immer noch aktive Künstler, die innerhalb von 15 Jahren den Vertretern der polnischen Lyrik zuerkannt wurden, sprechen für sich, so dass keinerlei sonstige Werbung für die ehrwürdigen Laureaten nötig ist. Jedoch sind ebenfalls der leider 1998 verstorbene Zbigniew Herbert sowie Tadeusz Rozewicz sind Spitzenkünstler, mit denen sich kaum jemand in der Welt messen kann. Die Nobelpreise waren eigentlich nur eine Bestätigung der großen Wertschätzung, welche die polnische Poesie, und insbesondere Wislawa Szymborska und Czeslaw Milosz in der Welt seit langem genießen. Gleichzeitig muß festgehalten werden, daß die Wirkungskraft der Lyrik in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts nachgelassen hat, denn die Prosaisten haben weltweit den Vorrang und die Popularität an sich gerissen. Die Popularität polnischer Nobelpreisträger war also auf einen eher geschlossenen Kreis von echten Poesie-Fanatikern beschränkt.

Die letzten zwanzig Jahre im Schaffen der Großen Vier (Szymborska, Milosz, Rozewicz, Herbert) sind eine Zeit der Ergänzung von thematischen und künstlerischen Motiven, die auch zuvor in ihrem literarischen Schaffen präsent waren. Czeslaw Milosz steht hier als ein souveränes Phänomen da, weil er nach Erhalt des Höchsten Lorbeers ein äußerst fruchtbarer Schriftsteller geworden ist, der Gedichtbände, Sammlungen literarischer Essays, Forschungsbeiträge und kritische Bücher veröffentlicht. In den 90er Jahren waren es u.a. Skizzen METAFIZYCZNA PAUZA (METAPHYSISCHE PAUSE, 1995); ROK MYSLIWEGO (DAS JAHR DES JuAGERS, 1990); das Bändchen NA BRZEGU RZEKI (AM FLUSSUFER, 1994); das Buch JAKIEGOZ TO GOSCIA MIELISMY (WELCH EINEN GAST HATTEN WIR, 1996) über die Dichterin Anna Swirszczynska; Essays ZYCIE NA WYSPACH (DAS LEBEN AUF INSELN, 1997); PIESEK PRZYDROZNY (HÜNDCHEN AM WEGESRAND, 1998). Die Zeit des "späten" Schaffens ist gleichzeitig eine Zeit der Zusammenfassung, eine Zeit des Aussprechens von fundamentalen Behauptungen. Das ist auch bei den polnischen Autoren der Fall, die in ihrer Dichtung eine Revision der fundamentalen Werte vornehmen, indem sie über das Dilemma "Kunst und Leben" nachsinnen (z. B. die Dichtung von Milosz und Rozewicz), eine ethische Bilanz ziehen (z. B. bei Herbert und Szymborska), nach der Lage der Kultur fragen (die Dichtung von Rozewicz), Rechenschaft über ihre Generation und deren Ideen ablegen (z. B. die Dichtung von Rozewicz und Herbert), nach Transzendenz suchen (Milosz, Rozewicz). Man kann es also wagen, die Schwerpunkte auszumachen, welche für die letzten Werke der größten polnischen Dichter - der Großen Vier - charakteristisch sind. Bei Milosz wäre es Affirmation; bei Szymborska, insbesondere im Bändchen KONIEC I POCZATEK (ENDE UND ANFANG), ironische und zweifelnde Skepsis einer Intellektuellen; bei Rozewicz, im Bändchen ZAWSZE FRAGMENT (IMMER FRAGMENT), ein schonungsloser Kommentar zu der Zivilisations- und Kulturleere nach dem Krieg und eine Faszination für die Beschreibung des Bösen; bei Herbert, im Bändchen EPILOG BURZY (GEWITTER EPILOG), eine ethische Abrechnung mit unseren Zeiten und eine Aufzeichnung der philosophischen Dilemmas, die durch den Prozeß der Erosion der Religiosität in der modernen Kultur bedingt sind.

Die Dichtung der obenerwähnten Autoren ist also eine Literatur der letzten Dinge, kraft des künstlerischen Genies für jedermann zugänglich gemacht. Die Fähigkeit, in jedem alltäglichen Detail bedeutungsvolle Fragen ausfindig zu machen und - andererseits - die Verallgemeinerung der mit scheinbar gewöhnlichen Situationen und Ereignissen verbundenen Bedeutungen sind ein Merkmal, dank dessen die zeitgenössische polnische Poesie unbestrittene Autoritäten aufweisen kann, die mit ihrem literarischen Schaffen die Entwicklungsrichtungen weisen.

Unter den "alten" (d.h. anerkannten) Meistern der polnischen Poesie sind auch Jaroslaw Marek Rymkiewicz (ein Dichter, der die Leidensgeschichte des polnischen Volkes im 20. Jahrhundert porträtiert und gleichzeitig ein sensibler Philosoph ist, der sich mit der Frage der Vergänglichkeit sowie mit metaphysischen Dilemmata beschäftigt und auf die künstlerischen Errungenschaften der Poesie aus dem 17. Jahrhundert schöpferisch zurückgreift), Ludmila Marjanska, Joanna Pollakowna (die eine nuancierte, emotionelle, persönliche Gefühlslyrik schaffen) sowie die in den 90er Jahren verstorbenen Artur Miedzyrzecki (ein gelehrter, ein wenig akademischer Kulturdichter) und Zbigniew Bienkowski (Postavantgardist) zu nennen.

Aktivisten, Emigranten, Beobachter

Die "neuen Meister" sind inzwischen fünfzigjährige Veteranen der alten engagierten Poesie, die sowohl aus der europäischen kulturkritischen Erfahrung von 1968 als auch den polnischen Wenden und Erschütterungen derselben Periode (antisemitische Exzesse vom März 1968 als Folge der Fraktionskämpfe in der kommunistischen Partei, Studentenproteste, blutige Unterdrückung der Arbeiterstreiks 1970) erwuchs. Jene Gruppierung, übrigens sehr zahlreich und heterogen, wurde "Generation 68" oder "Neue Welle" getauft. Den interessantesten literarischen Ertrag unter, wie gesagt, einer Vielzahl von Dichter haben gegenwärtig Stanislaw Baranczak, Adam Zagajewski (beide seit Jahren im Ausland wohnhaft - der eine in den USA, der andere in Frankreich), Ryszard Krynicki (der sich in den letzten Jahren eher der verlegerischen Arbeit widmet), und schließlich Ewa Lipska (langjährige Direktorin des Polnischen Instituts in Wien). Andere Dichter dieser Gruppierung - wie z. B. Jacek Bierezin (tragisch verstorben in Paris Ende der 90er Jahre) oder Jerzy Gizella (lange Zeit in den USA wohnhaft) haben, vermutlich aufgrund ihrer abenteuerlichen Lebensläufe, ihr Talent nicht entwickelt, oder - wie z. B. Stanislaw Stabro, Julian Kornhauser, Leszek Szaruga - sich eher der wissenschaftlichen, bzw. Rezensions- oder Kritikarbeit gewidmet und sind übrigens in vielen Fällen zu Botschaftern und Sprechern der polnischen Poesie im Ausland geworden (Szaruga im deutschsprachigen Raum, Kornhauser auf dem Balkan).

Charakteristisch für die "neuen Meister" ist die Evolution ihres lyrischen Schaffens von einem sehr starken, aggressiven politisch-sozialen Engagement in der zweiten Hälfte der 70er und am Anfang der 80er Jahre zur Poesie der emotionalen Distanz, Ironie, Beobachtung der Welt und metaphysischen Implikationen.

Stanislaw Baranczak wird in den 70er Jahren zu einem führenden Dissidenten unter den polnischen Dichtern. Gegen Ende des Jahrzehnts durch die Obrigkeit und die Zensur verfolgt (er darf nicht legal publizieren), widmet er sich der politischen Arbeit, Übersetzungen aus dem Englischen (bald soll er als absolutes Phänomen auf diesem Gebiet gelten), veröffentlicht außerdem Gedichte und Essays sowohl im Inland - außerhalb der Zensur - als auch im Exil. Seine Gedichtbände aus den 70er Jahren, JA WIEM, ZE TO NIESLUSZNE (ICH WEISS, ES IST NICHT RICHTIG) oder SZTUCZNE ODDYCHANIE (KÜNSTLICHE ATMUNG), gelten allgemein als Spitzenleistung der antikommunistischen politischen Dichtung, die gleichzeitig keine "Revolutions-" und "Tatdichtung", und die existentielle Dilemmata des Einzelmenschen nicht aus den Augen verliert. Baranczak erscheint hier als ein Schriftsteller, der die Obrigkeit und die Verhältnisse in einer despotisch regierten Gesellschaft durch die Bloßstellung der offiziellen Sprache (also auch der Sprache des Fernsehens, des Radios oder der willfährigen Schriftsteller, die z.B. "Milizromane" schreiben, welche die kommunistischen Ordnungshüter ins rechte Licht rücken sollen) kompromittiert. Nach der Ausreise in die Vereinigten Staaten (noch kurz davor war Baranczak ein Lehrbeauftragter an der Harvard-Universität gewesen) beginnt sich der Charakter seines literarischen Schaffens zu ändern und nimmt allmählich (Der "Grenz"-Band ATLANTYDA / ATLANTIS von 1986 die Form der metaphysischen Poesie an, die nach transzendenten Erfahrungen im Alltag sucht (die Spitzenleistung scheint der Band WIDOKOWKA Z TEGO SWIATA /ANSICHTSKARTE VON DIESER WELT von 1988) zu sein. Er greift also zu alltäglichen Requisiten, zu typischen Situationen und ist besonders jetzt - im Exil - für die Sprache als einen Träger von (bewußten und unbewußten) Verfassungen des Geistes und des Ich sensibilisiert. In den 90er Jahren, trotz fortschreitender Parkinsonscher Krankheit, ist Baranczak nach wie vor als Übersetzer tätig, veröffentlicht Anthologien mit Übersetzungen und literarischen Scherzen,sowie eigene Gedichte und Essays. Er gehört zu den vielseitigsten und fruchtbarsten polnischen Schriftstellern. In den 90er Jahren veröffentlichte er u. a.: POEZJE WYBRANE (AUSGEWÄHLTE GEDICHTE, 1990); Essays TABLICA Z MACONDO (TAFEL AUS MACONDO, 1990); humoristische Gedichte ZWIERZECA ZAJADLOSC (TIERISCHE VERBISSENHEIT, 1991); BIOGRAFIOLY (BIOGRAPPEL, 1991); Skizzen über die Übersetzerwerkstatt OCALONE W TLUMACZENIU (IN DER ÜBERSETZUNG BEWAHRT, 1992); ZUPELNE ZEZWIERZECENIE (VöLLIGE VERTIERUNG, 1993); CHIRURGICZNA PRECYZJA (CHIRURGISCHE PRÄZISION, 1998).

Die Dichtung von Adam Zagajewski hat inzwischen die unterschiedlichsten Arten der Rezeption erlebt. Einerseits ist es ein Dichter, der schon seit langem auf die Gunst zahlreicher "Fans" seines literarischen Schaffens rechnen kann (er wird bei Buchmessen, Lesungen und Werbeveranstaltungen durch das - auch ausländische - Publikum umringt), andererseits begegnet er oft recht groben Angriffen von Kritikern, die seiner Poesie Schwulst, künstlich gebaute Erhabenheit, oder Weltfremdheit vorwerfen. In den 70er Jahren - in den Bänden KOMUNIKAT (MITTEILUNG) und SKLEPY MIESNE (FLEISCHLÄDEN) hat er ziemlich eindeutig die Inkonsequenzen und Lügen der Kultur unter dem Regime sowie die von der Obrigkeit empfohlenen Lebensmuster verhöhnt. Zagajewski ist ein philosophischer Gebildeter, der schonungslos Fälschungen bloßstellen will: der Existenz, der Politik, der Obrigkeit, der ideologischen Doktrin. Er ist Autor der zwei wichtigsten Mottos der "Generation 68" - "Sag die Wahrheit" und "Sprich direkt" - welche die (damals, angesichts des eindeutig totalitären Systems, recht idealistischen, naiven) Ansprüche der betroffenen künstlerischen Gruppe gut veranschaulichen. In den 80er Jahren war er hingegen einer der ersten Schriftsteller, welche das Bedürfnis formuliert haben, die engen Bindungen zwischen Literatur und Politik abzubrechen, da die Kunst wichtigere, auf jeden Fall andere (vor allem ästhetische, religiöse, kulturfördernde) Ziele habe als zänkische Publizistik, die eine Reaktion auf (sei es auch noch so wichtig) politisches Getümmel sei. Diese These legte er im Essayband SOLIDARNOSC I SAMOTNOSC (SOLIDARITÄT UND EINSAMKEIT, 1986) dar, der in Paris herausgegeben wurde (der Autor hat dort seit 1981 einen festen Wohnsitz; gleichzeitig lehrt er 'creative writing' an der Universität Houston in Texas). Zuvor hatte sie in seinem Gedichtband JECHAC DO LWOWA (NACH LEMBERG FAHREN, 1985) künstlerische Deutung gefunden. Heute bleibt Zagajewski vor allem ein Poet der schönen, eindrucksvollen oder symbolischen Wendung, mit der er diverse Aspekte der menschlichen Existenz erfassen will. In seinen Gedichten wird viel über die Kunst (insbesondere die Malerei) reflektiert, es mangelt jedoch nicht an äußerst präzisen gesellschaftlichen Beobachtungen. Allerdings ist Zagajewski kein unbeugsamer Rebell mehr, sondern einer, der - der menschlichen Unvollkommenheit bewusst - die in ihrer Größe und Kleinheit vieldeutige Welt porträtiert. Indem er sich mit metaphysischer Thematik, mit der Problematik des Agnostizismus (im Band ZIEMIA OGNISTA / FEUERLAND) befasst, ist er auch imstande, dem heutigen polnischen Leser die Dilemmata des Westmenschen, des Bewohners der postindustriellen Wirklichkeit (der Band PRAGNIENIE / VERLANGEN) näherzubringen.

Ryszard Krynicki und Ewa Lipska werden durch viel kleinere Gemeinden für Meister gehalten als diejenigen, welche die Verehrer von Baranczak und Zagajewski vereinen. Der Grund ist der Kammercharakter und die Schwere ihrer Poesie. Krynicki ist auch ein "Linguist", nicht genau in der Art von Baranczak, er greift zur aphoristischen Tradition der Dichtung, zur Tradition des Haiku. Seine Gedichte sind weniger in der (alten - unter dem Regime, oder neuen - demokratischen) Realität verankert, dafür aber mehr auf eine Auseinandersetzung mit philosophischen, vor allem erkenntnistheoretischen Problemen, auf die Beschreibung des Chaos der menschlichen Erfahrung angelegt. Es ist eine sehr intime, scheinbar bescheidene Poesie, die uns an die Grenzen der Literatur, an den Rand des Schweigens führt. Der letzte Gedichtband, der seine künstlerischen Errungenschaften summiert, ist MAGNETYCZNY PUNKT (MAGNETISCHER PUNKT).

Die Gedichte von Ewa Lipska (die immer gern betont, dass sie sich mit den Grundsätzen und der Aktivität ihrer Kollegen aus der Dichtergeneration nicht völlig identifiziert) sind eine Auseinandersetzung, voller Dramatik und Grausamkeit, mit der menschlichen Individualität, die - in den Abenteuern des Lebens - auf Gnade und Ungnade von Kompromissen, Paradoxen, Gefahren ausgeliefert ist. Lipska bewegt sich oft an der Grenze der Undurchdringlichkeit, ihre Gedichte fordern vom Leser sowohl Anstrengung als auch Belesenheit. Die jüngsten Bände - LUDZIE DLA POCZATKUJACYCH (MENSCHEN FÜR ANFÄNGER) oder die Sammlung 1999 - zeigen jedoch, dass die polnische Literatur in der Person von Lipska eine wichtige existentielle Dichterin hat, welche die alte Rebellion von Sartre fortsetzt und schöpferisch umwandelt.

Von der Zeitperspektive her wird auch der hohe Stellenwert des literarischen Schaffens des mit den Schriftstellern der "Generation 68" gleichaltrigen Bohdan Zadura (Gedichtbände: PRZESWIETLONE ZDJ_CIA / ÜBERBELICHTETE AUFNAHMEN, CISZA / STILLE) sowie des etwas jüngeren Piotr Sommer (Gedichtbände: CZYNNIK LIRYCZNY / DER LYRISCHE FAKTOR, NOWE STOSUNKI WYRAZOW / NEUE WöRTERVERHÄLTNISSE) deutlich. Der letztere Dichter ist für die Karriere der Alltagssprache, der Sprache der Straße (auch für die Karriere der Alltagsdekoration) in der modernen polnischen Poesie verantwortlich. Er geht den Weg, der einst einerseits von dem polnischen linguistischen Dichter Miron Bialoszewski, andererseits von zeitgenössischen angelsächsischen Dichtern mit ihrem Hang zum Porträtieren des Alltags, eingeschlagen wurde. Ein großer Vorteil dieser Dichtung sind sämtliche Abarten der Ironie (auch der Selbstironie), der Persiflage, der Parodie. Zadura wurde hingegen zu einem Lehrmeister junger Dichter und machte aus seiner Lyrik ein Versuchsgelände, wo er die Möglichkeiten einer Synthese zwischen verschiedenen Traditionen sowie ästhetischen Strömungen und einer geschliffenen Aufzeichnung des aufrichtigen, individuellen, eigenen Bekenntnisses erforscht.

Die sogenannte "bruLion-Generation"

Die Zukunft der polnischen Dichtung gehört jedoch den neuen Autoren-Jahrgängen. Die politischen Ereignisse von 1989, welche den Anstoß zu evolutionären demokratischen Umwandlungen in Polen gaben, ermöglichten der ganzen Generation der in den 60er Jahren geborenen Dichter ein offizielles Debüt auf dem Markt. Üblicherweise wird diese Gruppe als die sog. "bruLion-Generation" bezeichnet (hergeleitet aus dem Namen einer in Krakau, dann Warschau herausgegebenen Zeitschrift, die in der Zeit von etwa 1987 bis 1997 eine Art Tribüne für die in die Literatur einsteigenden Jahrgänge war). Interessanterweise werden diese, mittlerweile fast vierzigjährigen Dichter, oft immer noch als "jung" bezeichnet. Das ergibt sich sowohl aus dem Umstand, dass - nicht ganz ernst gemeint - die poetische "Jugend" in polnischen Verhältnissen eben fast bis zum Alter von vierzig Jahren anhält (eine spezifische Situation der Kultur) als auch daraus, dass die jüngeren Schriftstellerjahrgänge noch keine Anerkennung unter Lesern gefunden haben. Die zwanzigjährigen (also in den 70er Jahren geborenen) Dichter werden immer noch mit einer beträchtlichen Portion Misstrauen (das jedoch Sympathie nicht ausschließt) gelesen und vom Publikum sowie von Kritikern nicht ganz ernst genommen. Nichtsdestoweniger sind zahlreiche Talente (z. B. der religiös-konservative Dichter Wojciech Wencel, die avantgardistische linguistische Dichterin Maria Cyranowicz oder die geistreichen "neuen Existenzialisten" Krzysztof Siwczyk und Roman Honet) bemerkt und positiv kommentiert worden.

Innerhalb der sogenannten "bruLion-Generation" ("sogenannten" - da die innere ästhetische Differenzierung dieser Formation doch recht groß ist) lassen sich mindestens drei wesentliche künstlerische Strömungen unterscheiden: die klassizistische, die O'Hara'sche (abgeleitet vom Namen des amerikanischen Dichters Frank O'Hara) und die Avantgarde-Strömung.

Die O'Hara'sche Strömung

Die markantesten Dichterindividualitäten sind gewiss Marcin Swietlicki (allgemein für einen führenden "jungen" polnischer Dichter gehalten) und Jacek Podsiadlo. Die beiden werden mit der "O'Hara'schen" Option (d.h. jenem Poesiekonzept, das die Gewöhnlichkeit und Alltäglichkeit der menschlichen Erfahrung als den Ausgangspunkt der Literatur akzeptiert), die bisweilen auch "Barbarismus" genannt wird (wegen ihrer Forschheit und Direktheit in den Ausdrucksformen), in Verbindung gebracht. Swietlickis Gedichte (z. B. die Bände: ZIMNE KRAJE / KALTE LÄäNDER, PIESNI PROFANA / LAIENLIEDER), durch die amerikanische "New Yorker Schule" und die künstlerischen Persönlichkeiten von Frank O'Hara und John Ashbery inspiriert, sind eine sehr anregende Aufzeichnung der existenziellen Einsamkeit, der Verwicklungen von Gefühlen und Emotionen. Es ist eine Dichtung der Rebellion gegen die Welt, die dem Menschen vor allem diverse Schattierungen des Leids und der geistigen Unbehaglichkeit bereitet. Es ist bezeichnend, daß Swietlicki - um seine Botschaft zu intensivieren - zu Ausdrucksmitteln aus dem Bereich der Rockmusik greift, und zwar als Leader der Musikgruppe "Swietliki". Die Poesie von Podsiadlo hingegen (z. B. die Bände: ARYTMIA / ARRHYTHMIE, DOBRA ZIEMIA DLA MURARZY / GUTE ERDE FÜR MAURER) ist eine dem anarchistischen Pazifismus entwachsende Botschaft über die Freiheit des Einzelmenschen im Erfahren der Abenteuer des Lebens; eine Botschaft gleichzeitig voller Affirmation, Naturkontemplation, Kritik der technologischen Zivilisation und religiös-theologischer Recherchen.

Andere interessante Dichter dieser Strömung sind z. B. auch Milosz Biedrzycki, Dariusz Sosnicki oder Karol Maliszewski (gleichzeitig ein überaus produktiver und geistreicher Literaturkritiker, der mit seinen Interpretationserkenntnissen die Gleichaltrigen oder die eben debütierenden Dichter begleitet). Die "O'Haristen" meiden die gesellschaftliche Reflexion nicht- aus ihrer Poesie kann man viel über die Veränderungen in der Kultur und im Leben in Polen im ausgehenden Jahrhundert, nach dem Fall des Kommunismus, erfahren. Dies tun sie jedoch diskret und betonen gleichsam die Notwendigkeit einer skeptischen Einstellung des Menschen zur Realität.

Die klassizistische Strömung

Die Dichter der klassizistischen Strömung verzichten nicht auf Reflexion über die Gegenwart, sie tun es jedoch mit Hilfe von solchen poetischen Formeln, die klar an die literarisch-kulturelle (polnische und europäische) Tradition anknüpfen. Zahlreiche Schriftsteller suchen nach Inspiration im Barock, zumal die Verworrenheit unserer Zeiten ein wenig an die Lage der europäischen Kultur im 17. Jahrhundert erinnert. An die polnische metaphysische Lyrik des Barock (welche das Motiv der 'vanitas' exponierte und vom Phänomen des menschlichen Lebens im Hinblich auf das Sterben fasziniert war) knüpft Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki (NENIA I INNE WIERSZE / NENIA UND ANDERE GEDICHTE, LIBER MORTUORUM)an; subtile religiös-meditative Poesie wird von dem Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Krzysztof Koehler (NA KRANCU DLUGIEGO POLA / AM ENDE DES LANGEN FELDES) geschaffen; auf das Erbe der Poesie von Rilke und französischen Klassizisten greift Marzanna Bogumila Kielar (SACRA CONVERSAZIONE) zurück, um die Welt einer aufmerksamen, auf detaillierte Beobachtung reduzierten Beschreibung zu unterziehen. Andere interessante Dichter dieser Strömung sind: Andrzej Stasiuk (mehr als Prosaist bekannt) sowie Artur Szlosarek und Anna Piwkowska. Die Vertreter der klassizistischen Strömung haben würdige Vorgänger unter den in den 50er Jahren geborenen Dichtern. Die interessantesten von ihnen scheinen Bronislaw Maj (Swiatlo / Licht) und Zbigniew Machej (LEGENDY PRASKIEGO METRA / LEGENDEN DER PRAGER U-BAHN) zu sein.

Zu erwähnen wären ebenfalls Dichter, die, aufgrund ihrer Poetik und ihrer künstlerischen Vorhaben, am Schnittpunkt der O'Hara'schen und der klassizistischen Strömung zu verorten sind. Vielleicht wird übrigens die in ihren Texten präsente Synthese der beiden lyrischen Optionen in der Zukunft den interessantesten Effekt hervorbringen. Gemeint sind hier Marcin Baran (ZABIEGI MILOSNE / LIEBESWERBUNG, SPRZECZNE FRAGMENTY / WIDERSPRÜCHLICHE FRAGMENTE), Jaroslaw Klejnocki (OKRUCHY / BROSAMEN, MR. HYDE) oder Jaroslaw Mikolajewski (MOJ DOM PRZESTALY NAWIEDZAC DUCHY / MEIN HAUS WIRD NICHT MEHR VON GEISTERN HEIMGESUCHT).

Die Avantgarde-Strömung

Die Avantgarde-Strömung der jungen Dichtung sind Autoren, die sich parnassischen, elitären Spielen und Experimenten hingeben, die eine intellektuell-ästhetisierende, dem Publikum eine gründliche literarische Kultur abverlangende Dichtung betreiben. Zu nennen sind hier vor allem Andrzej Sosnowski (ZYCIE NA KOREI / LEBEN AUF KOREA, KONWÓJ. OPERA / KONVOI. OPER), Tadeusz Pioro (OKECIE), Andrzej Niewiadomski (PREWENTORIUM / PRäVENTORIUM).

Dichter der sog. "bruLion-Generation" sind bemüht, auf verschiedene Art und Weise ein Bild der gegenwärtigen Empfindlichkeit darzustellen. Was ist der ganzen Gruppe gemeinsam? Sicherlich eine Distanz (oder vielleicht sogar Misstrauen) gegenüber dem sich durch strikte politische Aktivitäten manifestierenden Gemeinschaftslebens, die Zustimmung zu einem zweideutigen (also bewussten und somit vom Gefühl der Ambivalenz durchtränkten) Flirt mit der Massenkultur (Rockmusik, Film, Welt der Werbung und des Kommerzes), der Griff zum Repertoire von Ausdrucksmitteln, die ihren Ursprung in der Alltagssprache ("Straßensprache") haben, kulturkritische Inspirationen aus den 60er Jahren sowie ein starkes Gefühl der Generationsgemeinschaft, aufgebaut auf geschichtlichen Erfahrungen, von denen diese Gemeinschaft integriert wurde (der Kriegszustand, die "Freiheitswende" vom Ende der 80er Jahre).

Postskriptum

Die zeitgenössische polnische Poesie erinnert ein wenig an einen dichten Mischwald. Alle Bäume lassen sich nicht einmal kurz beschreiben, und jeder von ihnen kann wahrlich auf seine Art einmalig erscheinen und die Aufmerksamkeit eines scharfsichtigen Beobachters verdienen. Um bei der Waldmetapher zu bleiben: ein charakteristisches Merkmal der zeitgenössischen Lyrik wäre ihre ungestüme und üppige Blüte. Jedes Jahr erleben wir mindestens ein paar interessante Debüts und die anerkannten Meister liefern uns anregende Bücher, die in keinem Fall die Grenze des künstlerischen Anstands, ein em Bollwerk gegen das Banale, Prätentiöse und Einfältige, unterschreiten. Dynamik und Energie dichterischer Streite, Diskussionen und Dialoge, sei es auf der Ebene von öffentlichen Debatten oder auf der Ebene des literarischen Schaffens selbst, stimmen am Anfang des 21. Jahrhunderts optimistisch. Die polnische Lyrik wird uns bestimmt mehrere angenehme Überraschungen bereiten. Hoffentlich werden auch die Leser außerhalb Polens die Eigenart und die Ungewöhnlichkeit dieser Poesie zu schätzen wissen.

Zusätzliche Informationen:

Biographische Notizen:

Marzanna Bogumila Kielar (geb.1963)

Autorin zweier Gedichtbände: SACRA CONVERSAZIONE 1992 und MATERIA PRIMA 1999. Laureatin angesehener Preise: des Illakowiczowna-Preises (für das beste Debüt) sowie des Koscielscy-Preises (1993). Ihr zweites Buch wurde für den Nike-Preis nominiert. Ihre Gedichte wurden ins Deutsche, Schwedische, Englische, Französische, Hebräische, Tschechische, Slowenische, Litauische, Mazedonische übersetzt. Betreibt subtile persönliche Lyrik, voller Bezüge zur Kultur und Philosophie, die eine schöpferische Fortsetzung der besten polnischen Frauenpoesie ist.

Jacek Podsiadlo (geb.1964)

Autor mehrerer Gedichtbände; die interessantesten von ihnen sind: ARYTMIA 1993, JEZYKI OGNIA 1994, NICZYJE, BOSKIE 1998 und der letzte - WYCHWYT GRAHAMA 1999, der für den Nike-Preis nominiert wurde. Laureat des Koscielscy-Preises. In seinem literarischen Schaffen sind Elemente des anarchistischen, ökologischen, kulturkritischen Denkens zu finden. Er kann kunstvolle, klassizistische Gedichte sowie einfache, dabei aber ergreifende Bekenntnisse schreiben. In der letzten Zeit ebenfalls als Feuilletonist, Rezensent und Prosaist (Erzählungen) tätig.

Marcin Swietlicki (geb.1961)

Dichter, Liedermacher, Performer. Gilt allgemein als begabtester von der sog. "bruLion-Generation"; sein Debütband ZIMNE KRAJE 1993 gilt als eines der wichtigsten poetischen Bücher innerhalb der letzten 15 Jahre. Veröffentlichte vor kurzem den Band PIESNI PROFANA 1998, der für den Nike-Preis nominiert wurde. Laureat mehrerer, darunter der wichtigsten inländischen Literaturpreise. Schreibt existentielle Dichtungen, deren Stimmung meistens düster, pessimistisch ist. Leader der Rockband "Swietliki", mit der er drei Schallplatten mit Liedern eigener Autorschaft veröffentlicht hat.

Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki (geb.1962)

Veröffentlichte kürzlich die Gedichtsammlung KAMIEN PELEN POKARMU 1999. Autor von vier Gedichtbänden. Seine Gedichte sind eine ergreifende Mischung aus archaischer und zeitgenössischer polnischer Sprache, welche die letzten und grundsätzlichen menschlichen Erfahrungen (Leid, Einsamkeit, Tod) aufzeichnet. Genießt immer größere Anerkennung der Kritiker. Laureat u.a. des Illakowiczowna-Preises.

Dariusz Sosnicki (geb.1969)

Veröffentlichte zwei Gedichtbände: MARLEWO 1994, für das interessanteste Debüt des Jahres befunden, und IKARUS 1998. Mitgründer und Redakteur eines der wichtigeren literarischen Periodika der jungen Generation - "Nowy Nurt". Betreibt Dichtung der modernen, Avantgarde-Sprache, die jedoch auf die Aufzeichnung geistiger und existentieller Erfahrungen nicht verzichtet.

Die wichtigsten Preise, verliehen an polnische Dichter in den 90er Jahren:

  • 1991
    • Wislawa Szymborska erhielt den Goethe-Preis
  • 1992
    • Julia Hartwig erhielt den Literarischen Georg-Trakl-Preis, gestiftet durch das Österreichische Generalkonsulat in Krakau
  • 1993
    • Ewa Lipska - Preis der Piotr-Büchner-Stiftung (gegründet von dem polnischen Geschäftsmann Piotr Büchner 1989 in Warschau) für das dichterische Werk
    • Boguslawa Latawiec - Preis des polnischen PEN-Clubs für Poesie
    • Marzanna Bogumila Kielar - Preis der Koscielscy-Stiftung (Schweiz) für den Gedichtband SACRA CONVERSAZIONE
    • Artur Szlosarek - Preis der Koscielscy-Stiftung für WIERSZE NAPISANE und WIERSZE ROZNE
  • 1994
    • Tadeusz Rozewicz - der Hauptkulturpreis Schlesiens, verliehen durch die Regierung Niedersachsens für das Gesamtwerk.
    • Maciej Niemiec - Preis der Koscielscy-Stiftung für den Gedichtband KWIATY AKACJI
  • 1995
    • Wislawa Szymborska - Herder- (Johann-Gottfried)-Preis, verliehen durch die Wiener Universität
  • 1996
    • Wislawa Szymborska - Nobelpreis für Literatur
    • Marcin Swietlicki - Preis der Koscielscy-Stiftung für das poetische Gesamtwerk
  • 1997
    • Andrzej Sosnowski - Preis der Koscielscy-Stiftung
    • Leszek Aleksander Moczulski - Preis der Alfred-Jurzykowski-Stiftung (USA)
  • 1998
    • Urszula Koziol - Preis des polnischen PEN-Clubs für Poesie
    • Czeslaw Milosz - Nike-Preis (der größte polnische Literaturpreis) für das beste Buch des Jahres 1997 (PIESEK PRZYDROZNY)
  • 1999

2001
 

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