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Anthologie der polnischen Dichtung



02.09.2010

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essays
architektur
Jerzy S. Majewski
ARCHITEKTUR DER NEUNZIGER JAHRE IN POLEN
Sprachen:  polski  english  français  deutsch  español 
Inhalt: Hohe Häuser, breite Horizonte | Sozrealismus und Plattenbau | Die Wende | Gemeinnützige Gebäude | Komerzielle Architektur | Dekorationen | Sakrale Architektur | Wohn- und Mietshäuser | Wiederaufbau | Zusätzliche Informationen


Hohe Häuser, breite Horizonte

Die Geschichte der polnischen Architektur im 20. Jahrhundert weicht vor 1939 von generellen Tendenzen in der europäischen Architektur nicht wesentlich ab. Eine Trennung von ihr vollzog sich erst mit dem Ende des 2. Weltkriegs, als das, sich nach Kriegszerstörungen im Wiederaufbau befindliche Land in den sowjetischen Einflußbereich gelangte. Eine neue Revolution in der polnischen Architektur konnte erst nach der demokratischen Wende 1989 stattfinden.

Sozrealismus und Plattenbau

Wodurch sich an der Wende der 40er zu den 50er Jahren die Architektur in den Ländern des Sowjetblocks auszeichnete, war der sozialistische Realismus (Sozrealismus), der in allen Kunstbereichen galt. Der Sozrealismus gebot den Künstlern, auf "nationale Formen" und "sozialistischen Inhalt" Wert zu legen. Was jener "sozialistischer Inhalt" in der Architektur sein sollte, weiß niemand. Nichtsdestoweniger hat der Sozrealismus (der in Polen nur einige Jahre gegolten hat) viele wertvolle Bauwerke hinterlassen, die oft eine Fortsetzung formeller Bestrebungen der polnischen Architektur der 30er Jahre waren. Die monumentalsten Anlagen sind der von Theoretikern bevorzugten klassischen Tradition entlehnt. Daher die Kolonnaden, die Achsenanlagen. In jener Periode wurde auch zu behaglichen Vorbildern der Architektur des 18. Jahrhunderts und der Moderne der Zwischenkriegszeit gegriffen. Eine Vorzeigerealisierung, gleichwohl untypisch für den polnischen Sozrealismus, ist der Palast der Kultur und Wissenschaft - ein im Zentrum der polnischen Hauptstadt Warschau erbautes Hochhaus. Trotz der typisch polnischen Renaissance-Attiken, ist der Palast den in Moskau auf Stalins Befehl erbauten Wolkenkratzern zum Verwechseln ähnlich. Dieses Hochhaus wurde übrigens von dem sowjetischen Architekten Lew Rudnjew entworfen. Zu jener Zeit waren viele polnische Architekten durch die Rekonstruktion der im 2. Weltkrieg zerstörten Baudenkmäler gänzlich in Anspruch genommen. Der Wiederaufbau der Altstadtanlagen von Warschau, Danzig oder Breslau war damals eine im Weltmaßstab innovative Errungenschaft.

Der Sozrealismus wurde bereits 1956 völlig aufgegeben, als in Polen der in der Stalin-Zeit eingeführte "Personenkult" verurteilt wurde. In der polnischen Kunst wurde wieder Anschluß an die westlichen Bestrebungen geschaffen. Die architektonischen Entwürfe an der Wende der 50er zu den 60er Jahren waren überraschend innovativ. Das Aufblühen der Architektur wurde leider durch den Mangel an hochwertigen Materialien und durch die Natur des sozialistischen Wirtschaftens selbst verhindert. Die im Hinblick auf ihren Maßstab achtunggebietenden Entwürfe wurden in den 70er Jahren durch das aus dem Westen geborgte Geld realisiert. Der damalige Aufschwung ging aber nicht immer mit Qualität einher. Gerade damals sind an Stadträndern endlose Plattenbausiedlungen entstanden, schlecht ausgeführt und miserabel konserviert. Die 80er Jahre waren hingegen eine Periode der Wirtschaftskrise und des Dahinsterbens des Bauwesens; andererseits waren sie auch eine Zeit der theoretischen und intellektuellen Vorbereitung auf eine - aus der Kritik der Theorie und Praxis der Moderne erwachsene - Wende in der polnischen Architektur.

Die Wende

Das Jahr 1989, das in Polen radikale politische und wirtschaftliche Veränderungen mit sich brachte, eröffnete der polnischen Architektur eine enorme Entwicklungschance. In der Geschichte der polnischen Architektur des letzten Jahrzehnts lassen sich mindestens drei Etappen unterscheiden.

In der ersten Periode, noch unter Anwendung primitiver Technologien, wurden schwache Projekte aus den Vorjahren realisiert. Gleichzeitig entstanden erste "importierte" Objekte - Werke zweit- oder drittrangiger westlicher Architekten, die nicht zufällig "Fallschirmspringer" genannt wurden. Vorherrschend war damals eine karierte, gläserne Vorhangwand, welche die Armut an formellen Lösungen verdeckte. In jener Zeit wurden kaum gemeinnützige Gebäude gebaut, und in der kommerziellen Architektur gewann das Streben nach schnellem Profit und die damit zusammenhängenden Budgeteinsparungen die Oberhand über die Qualität.

In der zweiten Periode sind immer mehr Firmen aufgetaucht, welche mit dem Bau eigener, repräsentativer Sitze begannen. Ihr Ehrgeiz bewirkte unter anderem die Einstellung von begabteren Projektanten sowie die Auswahl der besten architektonischen Projekte durch Ausschreibungen. Gleichzeitig sind auf dem Markt Projektbüros aufgetaucht, welche oft junge, aktive, auf die Arbeit unter markwirtschaftlichen Bedingungen gut vorbereitete Architekten beschäftigten.

In der dritten Periode, gegen Ende der 90er Jahre, sind große Entwicklungsfirmen erschienen, für welche der Markterfolg ebenso wichtig war wie die Notwendigkeit, einen attraktiven Standort und eine entsprechende Qualität der Architektur zu gewährleisten. Diese Firmen gaben oft den größten Stars der Weltarchitektur Projekte in Auftrag. Ein Beispiel bietet das "OPERA"-GEBÄUDE AM SASKI-PLATZ IN WARSCHAU - eine große internationale Entwicklungsfirma hat das Projekt bei Sir Norman Foster bestellt. Am Bebauungsplan des Praga-Hafens in Warschau war der spanische Architekt Ricardo Bofill beteiligt. Spezialisten aus der berühmten Chicagoer Firma Pedersen, Kohn & Fox haben wiederum das Projekt des Hochhauses des Warschauer Finanzzentrums mitgestaltet. Es ist wohl der gelungenste Entwurf eines Hochhauses in Polen.

Im Laufe des gesamten letzten Jahrzehnts haben sich klare Unterschiede zwischen den stärksten architektonischen Milieus in Polen abgezeichnet. Neben dem auf das ganze Land einwirkenden, kosmopolitischen Warschau (äußerst chaotisch bebaut), erscheinen die Milieus in Krakau, Oberschlesien und Breslau am interessantesten. Im historischen Krakau greift die Architekten-Spitze auf die Wurzeln der Moderne-Architektur zurück (DDJM, Romuald Loegler, Wojciech Obtulowicz). Die Architektur Oberschlesiens scheint von dem industriellen Image der Region eingenommen zu sein, dessen Ausdruck eine Vorliebe für Dekonstruktion und kühne Formen aus Stahl sowie eine Spur Nostalgie enthaltende Ziegelflächen sind (Andrzej Duda, Henryk Zubel, Malgorzata Pilinkiewicz, Tomasz Studniarek). Einen Gegenpol stellt die Architektur Breslaus (Wojciech Jarzabek, Edward Lach, Stefan Müller) dar. Inspirationsquelle ist hier weniger die phantastische Moderne-Vergangenheit der Stadt als die fernen Echos der Postmoderne, ein Hang zum Hedonismus und zu schockierenden Farbkompositionen.

Gemeinnützige Gebäude

Eine der interessantesten und kreativsten Architektur-Realisierungen in Polen im letzten Jahrzehnt ist der Baukomplex der BIBLIOTHEK DER WARSCHAUER UNIVERSITÄT. Die Projekt-Ausschreibung haben 1993 die Architekten Marek Budzynski und Zbigniew Badowski mit ihrer Architektengemeinschaft gewonnen. Die niedrige, wenn auch sehr umfängliche Stahlbetonarchitektur wird durch das Grün eines auf dem Dach angelegten botanischen Gartens durchdrungen. Wie die Kunsttempel aus dem 19. Jahrhundert, so ist auch der Bau von komplizierten ikonographischen Inhalten durchzogen. Das Innere, wenn auch aus mehreren Ebenen bestehend, soll im Prinzip einräumig sein, mit unzähligen Bücherregalen (bestimmt für zwei Millionen Bände) sowie gemütlichen, ringsum angeordneten Orten für die Leser. Mit dem Baukomplex der Universitätsbibliothek verbinden sich zwei Bürogebäude, entworfen von Andrzej Kicinski. Ein winziges postindustrielles Gebäude hat sich wie durch Zauber in ein Minibürohaus verwandelt, und auf dem unter der Bodenebene gelegenen Hof wurde ein Garten angelegt. Er kann von einer kleinen, aus rostfreiem Stahl und Holz gebauten Brücke aus betrachtet werden, welche über den Hof geschlagen wurde. Infolge der Restaurierung des alten Objekts ist auch ein weiteres MINIBÜROHAUS DER STIFTUNG DER WARSCHAUER UNIVERSITÄT entstanden, die "GRAUE VILLA" genannt. Der neue Turm des Gebäudes hat gläserne Wände, durch welche die Stahlkonstruktion zu sehen ist; seine Giebel sowie große Teile des Daches sind ebenfalls aus Glas. Auffallend sind die äußerst sorgfältig ausgearbeiteten Details und die Anwendung von in Polen noch innovativen technologischen Lösungen.

Moderne Ausstattung verbindet die Architektur der BIBLIOTHEK DER WARSCHAUER UNIVERSITÄT mit dem ebenso prächtigen Gebäude der SCHLESISCHEN BIBLIOTHEK IN KATTOWITZ. Der über eine Ausschreibung gewählte architektonische Entwurf des Gebäudes ist im Wendejahr 1989 entstanden. Autoren des Projekts sind Jurand Jarecki, Marek Gierlatka und Stanislaw Kwasniewicz. Die architektonischen Formen des Gebäudes machen jedoch den Eindruck, als wären sie in den 70er Jahren entstanden. Der gewaltige Block des Lagerhauses mit vier Wänden, gestützt auf schlanke Säulen, wächst aus einer oktagonalen Grundlage empor, diese ist wiederum von allen Seiten durch einen mit Gras bewachsenen "Erdwall" umgeben. Darin verstecken sich Leseräume, Garagen, Hilfsräume und Büros. Das aus der Unterlage herauswachsende Gebäude ist jedoch organisch mit dem Grün vereinigt, sein Inneres wurde mit Elektronik und einzigartigen technischen Lösungen gespickt. Wie in der Bibliothek der Warschauer Universität, haben auch hier symbolische Inhalte eine große Bedeutung in der Außenarchitektur.

Das, in architektonischer Hinsicht, meisterhafteste gemeinnützige Gebäude, das in Polen Anfang der 90er Jahre erbaut wurde, ist das ZENTRUM DER JAPANISCHEN KUNST UND TECHNIK "MANGGHA" IN KRAKAU (Projekt: Arata Isozaki & Associates Tokio und Ingarden-Ewy & Jet Atelier Krakow). Das Gebäude ist gegenüber dem Wawel gelegen. Der Architekt wollte, dass das Gebäude einerseits Assoziationen mit Japan weckt und gleichzeitig einen Berührungspunkt zweier Kulturen darstellt. Dem Gebäude verlieh er die Form einer Welle, die an japanische Holzschnitte denken lässt und mit dem Weichsel-Bogen harmonisch zusammenwirkt. Das unruhige, wogende Dach, vom Wawel-Hügel aus betrachtet, erhält den Rang eines bildhauerischen Akzents in der Aussicht. Das äußerst geräumige Innere verbindet die Ästhetik der traditionellem Materialien mit fortgeschrittener Technologie sowie kühnen Konstruktionslösungen.

Der neue Flugterminal am Warschauer Okecie Airport ist ein Objekt von durchschnittlicher Architektur, entworfen durch eine Firma, die mit einem deutschen Bauunternehmen verbunden ist. Die in Krakau, Breslau und Danzig erbauten Flugterminals - ihre Projekte wurden über Architekten-Ausschreibungen gewählt - vertreten ein bereits viel höheres Architekturniveau. Der interessanteste von ihnen ist der FLUGHAFEN IN KRAKAU-BALICE (Projekt: Stanislaw Denko, Janusz Dulinski, Dariusz Gruszka, Piotr Wrobel).

Durch eine geschmackvolle Architektur zeichnet sich das WARSCHAUER BÖRSEN-GEBÄUDE aus (Projekt: Stanislaw Fiszer, Andrzej Choldzynski). Es ist eines der ersten Gebäude in Warschau, bei dem eine einfache, dem Facettenrreichtum natürlicher Materialien gegenübergestellte Form vom Wert der Architektur zeugt. Es ist ein offenes Gebäude - der freie Raum soll das Innere durchdringen und es sowohl für Interessenten als auch für Passanten aufdecken; er soll es dabei auch auf einen Park aus dem 18. Jahrhundert hin öffnen. Das für die Moderne charakteristische Streben nach Klarheit verbindet sich hier mit der romantischen Suche nach ideeller Schönheit.

Ähnliche Inhalte sind im Schaffen von Jerzy Gurawski aus Posen zu finden. Er kann Tradition mit moderner Architektur hervorragend verbinden. Ein Beweis dafür sind seine jüngsten Werke: das GEBÄUDE DER POSENER MUSIKAKADEMIE (eine glänzende Harmonisierung des Gebäudes mit einem im europäischen Maßstab einzigartigen Baukomplex des alten Schlossviertels mit äußerst monumentalen Regierungsgebäuden) und ein effektvoller Umbau der Innenräume des aus dem 18. Jahrhundert stammenden Rathauses in Leszno (Lissa).

Im letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts sind recht viele neue Rathäuser erbaut worden. Es ist ein Ausdruck der Demokratisierung des gesellschaftlichen Lebens und der wachsenden Bedeutung der Selbstverwaltungsbehörden in Polen. Das architektonische Niveau jener Rathäuser ist sehr unterschiedlich. Zu den wertvollsten in architektonischer Hinsicht gehört das RATHAUS DER GEMEINDE WARSCHAU-BIALOLEKA (Projekt: Grzegorz Stiasny, Jakub Waclawek und Mitarbeiter). Schon auf den ersten Blick scheint jedoch die Außenarchitektur dieses plastisch geschmackvollen Gebäudes Anspielungen sowohl auf des berühmte, von Willem M. Dudok entworfene Rathaus in Hilversum (1928-30) als auch auf das vor 1931 nach einem Entwurf von Tadeusz Michejda erbaute Rathaus der Gemeinde Janow bei Kattowitz zu enthalten. Das zeugt davon, daß das Ende der 20er Jahre erarbeitete Rathaus-Modell bis heute attraktiv bleibt.

Kommerzielle Architektur

Bürohäuser

Nach 1990 hat sich der polnische Immobilienmarkt ausländischen Investoren weiter geöffnet. Anfangs war der Bau von Bürohäusern, Luxushotels und etwas später von großen Handelsobjekten am rentabelsten. Die meisten Investitionen von kommerziellem Charakter waren jedoch auf Warschau beschränkt. In jener Zeit haben sich die in Polen verankerten Baufirmen als die dynamischsten Bauherren erwiesen. Sie hatten eine Orientierung über die Eigenart und die Bedürfnisse des erwachenden Marktes. Die aktivsten unter ihnen sind die schwedische Skanska und der österreichische ILBAU. Sie haben sich mit der Entwicklungstätigkeit, der Finanzierung von Investitionen, der Ausführung von Bauarbeiten sowie mit der von eigenen Architektenbüros entworfenen Architektur des Gebäudes beschäftigt. Die auf diese Weise entstehende Architektur war nicht sehr anspruchsvoll, die Bauherren strebten nämlich große Gewinne bei gleichzeitiger Tendenz zur Senkung der Baukosten an, was einen Verzicht auf mutigere Lösungen neben Einschränkungen bei der Anwendung von dauerhafteren, dafür aber teureren Materialien mit sich brachte. Trotzdem muss betont werden, dass die in jener Zeit erbauten Gebäude die ersten seit über zehn Jahren waren, die den westlichen Ausstattungsstandards gerecht wurden. Eine anständige kommerzielle Architektur stellen die von ILBAU entworfenen, mitfinanzierten und erbauten Gebäude dar. Die meisten von ihnen wurden durch den von dieser Firma eingestellten, in Polen niedergelassenen Kroaten Miljenko Dumencic entworfen. Er ist Mitautor des Entwurfs eines Büro- und Hotelkomplexes in Stettin (HOTEL RADISSON UND BüROHAUS PAZIM). Wenn man sich auch für die Architektur des Hotels kaum begeistern kann, so wird das Ganze durch ein 20-stöckiges Hochhaus von guten "technologischen" Proportionen und ziemlich kaltem Detail überragt. Zu den gelungenen Bauten gehört ebenfalls ein weiteres von Dumencic entworfenes Hochhaus, erbaut in Warschau für die Bank Pekao AG. Die beste Realisierung eines Projekts von Dumencic (Zusammenarbeit: Stanislaw Dopierala) ist das Bürohaus CITY ARCADE IN GDINGEN. Es ist zwar kommerzielle Architektur, aber bereits auf einem anständigen Niveau. Der Block des Gebäudes ist bildhauerisch gestaltet, dynamisch wie manche architektonischen Modelle der Avantgardisten aus den 20er Jahren, aber auch diszipliniert, von geschmackvollen Proportionen. Der "stählerne" Erker in der Fassade ist das einzige Element, das aus der Straßenfront hervortritt, und die Erkennung des zwischen die Nachbarhäuser hineingedrängten Gebäudes ermöglicht.

Eine konservativere Architektur zeigen die in Warschau durch Skanska bei dem, unter dem gemeinsamen Namen ATRIUM BUSINESS CENTRE gebauten Gebäude. Die Architekten des Projekts sind: Derek Frazer, Tomasz Kazimierski und Andrzej Ryba. In den recht banalen Fassaden wurde versucht, die Stahl-und-Glas-Modernität mit der Tradition zu verbinden. Die Wände sind nicht mehr verputzt, sondern mit dunkel- und hellrosafarbenem Stein verkleidet. Das Erdgeschoss von allen Gebäuden wird mit dem Rhythmus von vertikalen Säulen artikuliert, die eine Kolonnade suggerieren. Das Ganze wird durch Gesimse umkränzt. Es klingen hier deutlich die Echos der klassizisierenden Architektur der Sozrealismus-Ära nach.

Unter den Anfang der 90er Jahre erbauten Warschauer Bürohäusern ist das spätmodernistische KOLMEX-GEBÄUDE am wertvollsten. Es wurde u.a. von Tadeusz Spychala entworfen. Die mit warmem Stein, Glas und Stahl verkleideten Fassaden haben in die Warschauer Architektur einen gemäßigten Dekonstruktivismus eingeführt.

Im Warschauer Bürohaus ZIELNA POINT (Projekt: Stefan Kurylowicz, Piotr Kuczynski, Katarzyna Flasinska-Rubik, Maria Saloni-Sadowska, Fryderyk Szymanski) bilden die aalglatten Travertinfassaden eines der besten Eckhäuser in der Hauptstadt. Ein Meisterstück des Architekten ist die stählerne Innentreppe zum Zwischengeschoss.

Durch eine bescheidenere Architektur von einnehmender Anspruchslosigkeit zeichnet sich das "Taschen"-Bürohaus DIPSERVICE IN WARSCHAU (Projekt: Konrad Kucza-Kuczynski, Andrzej Miklaszewski, Piotr Kudelski). Die grünliche Fassade wird durch eine Vorhangwand mit einem zweistöckigen Erker gebildet. Nach Abenddämmerung treten, wie bei einem leicht geöffneten Theatervorhang, treten beleuchtete Innenräume des Bürohauses in den Vordergrund. Moderne architektonische Lösungen nicht ohne Maß, und gleichzeitig eine sterile Hypermodernität sind für das Komplex von - den Plänen nach - zehn großen Bürogebäuden, die im Warschauer Stadtteil Sluzewiec an Stelle von bankrotten Fabriken gebaut werden (Projekte von JEMS).

Banken

Während große Bürohäuser hauptsächlich in Warschau errichtet wurden, wurden im letzten Jahrzehnt in fast allen polnischen Städten Banken erbaut. Die Sitze der Banken sind in der Regel besser ausgeführt als Bürohäuser. Für die größten von ihnen ist eine komplizierte Funktionsordnung charakteristisch. Als exzellente Architektur der späten Moderne kann der Kattowitzer Sitz der Warschauer Bank Handlowy AG nach dem Projekt von Kapuscik & Lekawa Architekten genannt werden. Die Architektur des zwischen monströse Blocks hineingepferchten Gebäudes ist reich an überraschenden Akzenten. Das Gebäude von einer äußerst komplizierten Form, bedeckt mit Glas und rußschwarzem Stein, scheint einer abstrakten Skulptur zu ähneln.

Das erste höherwertige kommerzielle Gebäude in Krakau, das sich durch erstklassige Architektur auszeichnet, ist der Sitz der Krakauer Niederlassung der Warschauer Bank Handlowy AG (Projekt: DDJM; Architekten: Marek Dunikowski, Artur Jasinski, Jaroslaw Kutniowski, Wojciech Miecznikowski, Piotr Uherek). Die Fassade dieses Projektes entfaltet ein traditionelles, dreistöckiges Kompositionsschema - Sockel, Entwicklung, Gesims - ausgedrückt mit der modernen Architektursprache.

Handelsobjekte

Anfang der 90er Jahre wurden ebenfalls viele Handelsobjekte errichtet. Das beste Bauwerk jener Zeit war die ADAPTATION DER GOTISCHEN GROßEN MÜHLE IN DANZIG zu einem Handelszentrum mit Atrium und mehreren Geschäften. Dieses riesige Ziegelbau von etwa 1350 hatte zu den größten Industrieobjekten des mittelalterlichen Europa gehört. Die grundsätzliche Konservierungsmaßnahme war die Erhaltung der historischen Struktur des Objektes und die Hervorhebung wesentlicher Vorzüge seiner Architektur. Die Architektin Elzbieta Ratajczyk-Piatkowska und der ausführende Ingenieur Jerzy Sieminski haben sich zu radikalen Lösungen entschlossen. Die Wände des Baudenkmals blieben unangetastet und in das Innere wurde ein unabhängiges stählernes Traggerippe eingeführt, das sich nicht auf historische Mauern stützt.

Unter den, von Fundamenten an errichteten modernen Handelsobjekten hatte sich vor 1995 das WARENHAUS SOLPOL IN BRESLAU ausgezeichnet, entworfen von Wojciech Jarzabek (Zusammenarbeit: Pawel Jaszczuk, Jan Matkowski, Jacek Sroczynski). Das Gebäude ist kontrovers wegen einer bunter Farbenpalette und unverkennbar durch die, auf die Postmoderne zurückgreifender Formen.

Hotels

Ein großes künstlerisches Ereignis in den Jahren 1994-95 war der Bau des WARSCHAUER HOTELS SHERATON (Projekt: Tadeusz Spychala und Piotr Szaroszyk). Obwohl die ökonomischen Aspekte eine grundsätzliche Rolle bei diesem Bau gespielt haben und die Fassade nicht unter Anwendung von dauerhaften Materialien fertiggestellt wurde, ist es den Architekten trotzdem gelungen, ein individuelles und dabei an die Umgebung angepasstes Werk zu schaffen. Die Schönheit der Fassade lässt sich am leichtesten nachts beurteilen, wenn eine wohlüberlegte Beleuchtung die architektonischen Gliederungen mitbildet.

Für die Vorzüge der Architektur des HOTELS PANORAMA IN STETTIN-PODJUCHY war nicht nur eine malerische Lage entscheidend, sondern auch eine durchdachte Konstruktion aus geleimtem Holz und sorgfältig entworfene, wenn auch ungekünstelte räumliche und plastische Lösungen (Projekt: Studio Ar; Architekt: Stanislaw Kondarewicz; Zusammenarbeit: Ryszard Wilk, Robert Frydrycki, Zbigniew Mike, Jan Turowski; Konstruktion: Ing. Zbigniew Misiak).

Dekorationen

Eine gegen Ende der 90er Jahren immer häufiger auftretende Erscheinung ist die Bereicherung von sowohl gemeinnützigen Gebäuden, als auch kommerziellen Objekten durch monumentale Plastik oder autonome Kunstwerke, die bei eminenten Künstlern bestellt werden. Die Fassade der BIBLIOTHEK DER WARSCHAUER UNIVERSITÄT wurde um fünf symbolische Bücher aus Bronze bereichert, welche den Reichtum der Texte und die universelle Dimension der Bibliothekbestände versinnbildlichen. Auf Fassaden des WARSCHAUER BÖRSE-GEBÄUDES befinden sich Paneele aus Aluminiumgusseisen, welche die ausgedruckten Börsennotierungen symbolisieren. Reich an Symbolik ist die Fassade des OBERSTEN GERICHTS IN WARSCHAU (Projekt: Marek Budzynski, Zbigniew Badowski mit ihrer Architektengemeinschaft), wo u.a. auf einer freistehenden Kolonnade die gesamte Auslegung des römischen Rechts erscheint. Immer häufiger, selbst in banalen Gebäuden, erscheinen Kompositionen von hervorragenden Künstlern. Der Bauherr tritt dann in der Rolle eines Kunstmäzens auf, der die Künstler fördert und das Prestige des Gebäudes steigert. So wurde im gigantischen Atrium eines banalen Bürohauses, des Finanzzentrums Pulawska in Warschau, eine stählerne Skulptur von Magdalena Abakanowicz aufgestellt.

Sakrale Architektur

Am Anfang der 90er Jahre wurde der Kirchenbau fortgesetzt, welcher 1978 im großen Maßstab aufgenommen worden war, als der Pole Karol Wojtyla Papst wurde. Es sind damals u.a. folgende Gotteshäuser entstanden: die Heiliggeist-Kirche in Nowe Tychy (Projekt: S. Niemczyk, 1979-83), die St.-Sigismund-Kirche in Warschau (Projekt: Z. Pawelski, 1980-83), die Kirche der Oblaten der Mutter Gottes, der Friedenskönigin in Breslau (Projekt: W. Hryniewicz, W. Jarzabek, J. Matkowski, 1982), die Kirche der Erhöhung des Heiligen Kreuzes in Kattowitz (Projekt: H. Buszko, A. Franta, 1979-93). Die unterschiedliche Architektur dieser Kirchen greift sowohl auf die gotische, neuzeitliche Tradition, als auch auf die Tradition der Moderne zurück. An ein großes gotisches Gotteshaus erinnert die aus Ziegeln gebaute, mit Strebepfeilern umspannte Dominikanerkirche im Warschauer Stadtteil Sluzew (Projekt: W. Pienkowski); die aus Ziegeln gebaute Oblatenkirche in Breslau weist hingegen Anspielungen sowohl auf gotische Gotteshäuser Schlesiens als auch auf den deutschen Expressionismus der 20er Jahre auf.

Zu den wertvollsten Bauwerken, welche die Ideen der Postmoderne in der sakralen Architektur entwickeln, gehören zwei, die noch nicht fertiggestellt worden sind: die HEILIGGEIST-KIRCHE in Breslau (Projekt: T. Zipser) und das mit romantischen Inhalten durchtränkte GOTTESHAUS DER HIMMELFAHRT CHRISTI IM WARSCHAUER STADTTEIL URSYNOW (Projekt: M. Budzynski, Z. Badowski). Das beste Beispiel postmodernen Bauens, nicht nur in der sakralen Kunst, sondern in der polnischen Architektur schlechthin, ist das KRAKAUER SEMINAR DER RESURREKTIONISTEN (Projekt: D. Kozlowski, W. Stefanski, 1985-93). Die Idee dieses Bauwerks stützt sich auf das Konzept von vier symbolischen Toren: der Initiation, des Wissens, der Hoffnung und des Glaubens. Diese Architektur überrascht mit unerwarteten, zweckmäßig und konsequent angewandten formellen Lösungen, voller versteckter Inhalte.In den 90er Jahren, abgesehen von der riesengroßen Basilika in Lichen (das historisierende Bauwerk, inspiriert durch die St.-Peter-Basilika in Rom, wurde von B. Bielecka entworfen) wurden weitgehend keine gigantischen "Kathedralen" auf dem Lande und in Wohnsiedlungen mehr gebaut, wie es in den vorangehenden Jahrzehnten der Fall gewesen war.

Die schönsten Werke der sakralen Architektur jener Periode haben einen gemütlichen Charakter. In der GOTTES-BARMHERZIGHEIT-KIRCHE IN KRAKAU (Projekt: S. Niemczyk, M. Kuszewski, 1991-94) sind die kleinsten Details sorgfältig ausgearbeitet worden, und die geschmackvolle Architektur scheint eine moderne Rezeption der Kunst des Expressionismus und des Art Deco-Stils zu sein, deren mehrere Beispiele in der benachbarten Wohnarchitektur zu finden sind. In der ebenso winzigen GRIECHISCH-KATHOLISCHEN KIRCHE IN BIALY BOR IN WESTPOMMERN ist nicht die bescheidene Außenarchitektur wichtig, sondern das Innere, welche eine Welt des Sakralen bildet - eher ein Werk des Malers, Jerzy Nowosielski, als des Architekten (B. Kotarba, 1992-97). Ein weiteres in architektonischer Hinsicht interessantes und äußerst gemütliches Objekt ist die GRUFT DER VERDIENTEN GROßPOLEN BEI DER ST.-ADALBERT-KIRCHE IN POSEN (Projekt: J. Gurawski, 1997), in welcher enthüllte Teile der Kirchenmauern und eine traditionelle Raumordnung mit modernen Materialien und formellen Lösungen kontrastiert wurden.

Wohn- und Mietshäuser

Sind die Mehrfamilienhäuser um die Mitte des Jahrzehnts noch meistens durch Baugenossenschaften gebaut worden, so begannen sich Ende der 90er Jahre auch große Firmen mit ausländischem Kapital damit zu beschäftigen. In der Warschauer Wohnungsarchitektur zeichnet sich eine Wendung zur Neomoderne ab. Massenhaft entstehen Häuser, die durch die Architektur der Zwischenkriegsavantgarde oder der gemauerten Luxuswohnhäuser der 30er Jahre inspiriert sind. Neomoderne Gebäude mit beschnittenen Erdgeschössern, langen Fensterlinien und Terrassen auf flachen Dächern scheinen sehr nach Warschauer Art zu sein. Während aber für die führenden Architekten die Bezüge zur Geschichte einen Ansatz zur Schaffung von völlig originellen Werken darstellen, erscheinen vielen Architekten zweiten und dritten Ranges die Errungenschaften der Moderne als eine Sammlung von Motiven, die beliebige Kompilationen erlaubt. Im Effekt entsteht banale Architektur, welche den Vorkriegsvorbildern nicht ebenbürtig ist. In Warschau tut sich vor diesem Hintergrund das Schaffen des Büros Szymborski & Zielonka sowie der Gesellschaft JEMS-Architekci hervor. Zu den interessantesten Realisationen von Wojciech Szymborski und Jacek Zielonka gehört das PAX-Wohnhaus in Warschau. In diesem durch und durch modernen Objekt klingen die Echos der architektonischen Avantgarde der 20er und 30er Jahre nach. Mit der Avantgarde-Architektur jener Zeiten gehen leider nicht nur Vor-, sondern auch Nachteile einher, zu welchen der nicht allzu sorgfältige Fertigbau zählt. Die Architektenentwürfe haben die Proportionen der Fassade meisterhaft erfaßt. Das Gebäude scheint im städtischen Raum wie ein Überseeschiff zu schwimmen, zu dem es dank der Terrassen-Decks, der Schiffsbrüstungen oder der kleinen runden Fenster tatsächlich Assoziationen erweckt. Trotz des Eindrucks der Expression und des ein wenig Dekorativen, haben sich die Architekten jedoch bescheidener Ausdrucksmittel bedient.

Die exzellenteste Schöpfung des Büros JEMS-Architekci ist die gemütliche und sehr luxuriöse Wohnkolonie im Warschauer Stadtteil Zoliborz (Projekt: Olgierd Jagiello, Maciej Milobedzki, Jerzy Szczepanik Dzikowski sowie Violetta Popiel-Machnicka und Mitarbeiter). Diese gemütliche Wohnsiedlung, deren Architektur in die modernistische Villenbebauung der Umgebung geschickt hineingebracht wurde, ist das Resultat eines Kompromisses zwischen dem Stil der Stadtvilla und dem niedrigen Mehrfamilienhaus.

Ein hervorragendes Beispiel für eine luxuriöse, neomoderne Wohnkolonie sind die von Dumencic in Gdingen-Orlowo, direkt am Meeresufer entworfenen Gebäude. Die Häuser mit flachen Dächern und weißen Fassaden sind mit Loggien, Erkern und Terrassen bildhauerisch gestaltet. Es dominieren horizontale Gliederungen, verstärkt mit stählernen Geländern. Ein Gegengewicht bilden die Vertikalen der Treppenhäuser, Masten, durchsichtige Roste und Gitterwerke über den Dächern. Die hellen verputzten Fassaden wurden mit Details aus Holz kontrastiert - den verschiebbaren Rolläden der Loggien. Am interessantesten präsentiert sich die Anlage von der Meeresseite, sie ordnet auch einen Teil der Stadtbebauung, indem sie eine Art Miniboulevard bildet.

Eine Faszination für die Moderne macht sich auch bei den in anderen polnischen Städten tätigen Architekten bemerkbar. Es tun sich insbesondere die Schöpfungen und Projekte der Krakauer Architekten Romuald Loegler und Wojciech Obtulowicz hervor. Unter den Arbeiten aus den Jahren 1998-99 ist ihr Projekt der Wohnanlage in Wola Justowska in Krakau am interessantesten. Wohnhäuser mit klassischen modernistischen Gliederungen sind mit einem riesigen Pergola-Rost umgeben, an welchem Pflanzen emporklettern sollen. Die grüne Wand erhält hier den Rang einer Sommerumzäunung und einer zusätzlichen Fassade des Gebäudes.

Einen ganz anderen künstlerischen Weg haben die Breslauer Experten eingeschlagen. Ihre architektonischen Vorschläge sind der Poetik der Postmoderne näher, obwohl auch diese Architekten auf die Tradition der architektonischen Avantgarde der 20er Jahre zurückgreifen. Sowohl die immer noch ausgeführten "Lückenfüller" als auch die freistehenden Gebäude zeichnen sich durch eine ziemlich schockierende Farbenwahl und überraschende formelle Lösungen aus. Dier größte Idividualist der Breslauer Architektur der 90er Jahre ist ohne Zweifel Wojciech Jarzabek. Sein spektakulärstes Werk im Wohnungsbau ist der "Lückenfüller" am Wyspianski-Kai. Verschmolzen mit der Straßenfront zeichnet er sich durch eine ungewöhnliche Komposition der Fassade und durch die Farbenwahl aus. Für den Architekten ist die Außenarchitektur des Gebäudes zu einem bestimmten Grad eine freie Variation über die Poetik des Jugendstil-Mosaikfensters.

In Posen tun sich die Wohngebäude nach Entwürfen von Izabela Klimaszewska und Tadeusz Biedak hervor. Für jedes Haus ist eine unterschiedliche Fassade charakteristisch. Das "Silberne Haus" in der Poznanska Straße hat eine mit zerrissenem Halbkreisgiebel und sehr modernem Detail aus silberigem Stahl belebte Fassade. Das in der Nachbarschaft gelegene "Goldene Haus" hat einen scharfen, gläsernen Erker. Manche Lösungen scheinen ein wenig prätentiös zu sein, die Originalität kann ihnen jedoch kaum abgesprochen werden. Die interessanteste Posener Wohnanlage, zusammengesetzt aus einigen Turm-Gebäuden, die aus einem gemeinsamen Erdgeschoss herauswachsen, ist entlang der Slowianska Straße gelegen (Projekt: Aleksandra Kornecka, Stanislaw Mikolajczyk, Katarzyna Weiss). Sie zeichnet sich weniger durch eine auf die Tradition der Zwischenkriegsarchitektur zurückgreifende Form als durch die Schaffung einer belebten Straßenfront inmitten einer Mega-Wohnsiedlung aus den 70er Jahren aus.Ein neues Phänomen in der Wohnarchitektur sind Luxuswohnsiedlungen und -mietshäuser, die durch große Firmen erbaut werden. Es ist schon eine kommerzielle Architektur, obwohl die Bauherren stets lieber Architekten vom Rang eines Wojciech Szymborski, Jacek Zielonka oder Jerzy Gurawski aus Posen verpflichten. Es überwiegen jedoch riesengroße Wohnhäuser von einem seit Zeiten des 2. Weltkriegs in Polen nicht mehr gekannten Standard. Sie sind luxuriös ausgestattet, mit modernen Installationen besetzt, sie haben große Wohnungen, Dachterrassen, Schwimmbäder, ein abwechslungsreiches funktionales Programm und natürlich einen Haussicherungsdienst. Bei all dem zeichnen sie sich eher durch ihre Ausmaße als durch schöpferische Architektur aus. Realisationen wie der BABKA TOWER IN WARSCHAU mit einem -zigstöckigen Eckhochhaus scheinen sich von ihren amerikanischen oder fernöstlichen Gegenstücken kaum zu unterscheiden.

Das erste freistehende Wohnhochhaus mit einer Vorhalle und Rezeption ist die RESIDENZ ZUM ADLER im Warschauer Stadtteil Mokotów. Die Bauherren hatten den Ehrgeiz, ein sich durch wertvolle Architektur auszeichnende Gebäude zu schaffen und beauftragten mit dem Projekt das bekannte Büro Majewski, Wyszynski, Hermanowicz. Die Architekten, mehrere Jahre lang auf Innenprojekte spezialisiert, haben dieses riesengroße Wohnhaus wie ein gigantisches Möbel mit Öffnungen für teuren Nippes behandelt.

Wiederaufbau

Das letzte Jahrzehnt des Jahrhunderts hat eine weitere Phase des Wiederaufbaus städtischer Anlagen mit sich gebracht, meistens in Pommern und Niederschlesien. Ab den 80er Jahren werden die Altstädte in Elbing und Kolberg wiederhergestellt. In den 90er Jahren wurde mit dem Wiederaufbau der Gegend beim Schloss in Stettin und der Altstadt in Glogow (Glogau) begonnen. Vorbereitet wird der Wiederaufbau der Altstadt in Kwidzyn (Marienwerder).

Der Wiederaufbau jeder städtischen Anlage hat ihre eigene Spezifik. In Kolberg entsteht rund um den ehemaligen Markt und Dom ein neues Stadtviertel, welches weder die alten Eigentumsverhältnisse noch die Vorkriegsbebauung wiederherstellt, sondern eher ein Versuch ist, eine altstädtische Atmosphäre zu erzeugen.

Strenge konservatorische Richtlinien gelten hingegen in Elbing. Neue Gebäude sollen, sofern möglich, unter Inanspruchnahme alter Fundamente und Kellerwände errichtet werden. Erforderlich ist die Aufrechterhaltung der alten Baurichtmaße, unter Vorherrschaft der Giebelbebauung und vertikaler Gliederungen der Fassaden. Die wertvollsten Wohnhäuser sollen aufgrund von Bildmaterial rekonstruiert werden. In anderen Objekten sollen die Architekturbüros moderne Formen und Details anwenden und gleichzeitig nach formellen Bezugspunkten zur alten Architektur der Altstadt suchen. Die meisten Wohnhäuser, die wiederaufgebaut werden, sind ein Werk von Szczepan Baum und Ryszard Semka.

Beim Wiederaufbau der Gegend um das Stettiner Schloss wurde eine andere Methode der Finanzierung und der Projektierung der Gebäude angenommen. Der Bau wird ausschließlich aus den Eigenmitteln der Baugenossenschaft geführt, der das ganze Gelände gehört. Die Bauherren der einzelnen Gebäude werden erst nach der Beendigung des Baus zu ihren Eigentümern. Mit Projekten der einzelnen Wohnhäuser wurden verschiedene Architekten betraut. Im Effekt erinnert die Methode der Komposition des Baublocks an eine Collage - die einzelnen Architekten kleben die von ihnen vorgefertigten Teile in ein größeres Ganzes hinein.

In anderen Städten werden Baublocks und einzelne Objekte wiederaufgebaut. Zu den größten Realisationen der 90er Jahre in Danzig gehören der Wiederaufbau eines Baublocks auf der Speicherinsel (Projekt: Stanislaw Michel, Kazimierz Jarosz, Stefan Philipp, Andrzej Sotkowski), der Bau des hinter der Straßenfront von einigen Wohnhäusern an der Langen Brücke verborgenen Hotels Hanza (Projekt: Szczepan Baum, Andrzej Kwiecinski und Mitarbeiter) sowie der Wiederaufbau von einigen Wohnhäusern in der Chlebnicka Straße. (Projekt: Stanislaw Michel). Die Rekonstruktion der Bebauung der Stagiewna Straße und der Bau des Hotels Hanza an der Motlau sind zwei verschiedene Strömungen in der gegenwärtigen Architektur Danzigs. Der rekonstruierte Baublock auf der Speicherinsel ist ein Ausdruck des konservatorischen Beharrens. Die Fassaden des Hotels Hanza sind hingegen eine schöpferische und gleichzeitig moderne Interpretation der alten Stadtarchitektur.

In der Posener Altstadt haben die Architekten Pawel Handschuh und Piotr Chlebowski eine sehr effektvolle Adaptierung historischer Gebäude für den Sitz der Powszechny Bank Kredytowy geschaffen. Das in ein mittelalterliches Grundstück hineingepferchte neuzeitliche "Wohnhaus" mit einer spätmodernistischen Fassade aus Sandstein, rostfreiem Stahl und Glas kann als die beste Ausführung dieser Art in Polen gelten.

Ein recht ungewöhnliches Phänomen ist der Bau von modernen Gebäuden hinter stilisierten Fassaden der Wohnhäuser aus dem 19. Jahrhundert. Eine ganze Straßenfront dieser Art Bebauung entsteht entlang der Panska Straße in Warschau (Projekt: Leszek Klajnert). Die angeblich aus dem 19. Jahrhundert stammenden Fassaden sind nichts als architektonische Phantasie.

Die Evolution des individuellen architektonischen Stils der Architekturbüros, die nach immer neuen formellen Lösungen suchen, bleibt oft hinter der technologischen Revolution zurück. Die Lage der polnischen Architektur des letzten Jahrzehnts des Jahrhunderts lässt sich, abgesehen von ihrer Lage in den letzten Jahren der Volksrepublik Polen schwer beurteilen. Die 80er Jahre können als eine Zeit ihres Verfalls angesehen werden, verbunden mit der Wirtschaftskrise und dem Absterben des Bauwesens. Die damals entstandenen Projekte hatten, abgesehen von sakralen Objekten, kaum Aussichten auf Verwirklichung. Das Jahr 1989 und die wirtschaftlichen Umwälzungen haben den Architekten eine neue Chance eröffnet. Ob sie wahrgenommen wurde, ist eine offene Frage. Die polnische Architektur trägt immer noch den Stempel der Provinzialität, ab Mitte des Jahrzehnts tauchen jedoch im Meer der banalen Bauwerke immer häufiger wertvolle und originelle Objekte auf. Ein kaum zu überschätzendes Phänomen ist das Erscheinen von anerkannten Weltarchitekten in Polen. Möglicherweise werden ihre Werke bereits in den ersten Jahren des kommenden Jahrtausends zu einer Art Trampolin, das der polnischen Architektur dazu verhilft, in die Sphäre der Kunst zu gelangen.

Zusätzliche Informationen

Der Architektur gewidmete polnische Zeitschriften:

"Architektur - murator". Chefredakteurin: Ewa Przestaszewska-Porebska, Warszawa, ul. Kamionkowska 45; Tel. (+48 22) 870 46 64; www.murator.com.pl; Die Zeitschrift veranstaltet den Wettbewerb "Leben in Architektur"

"Architektura i Biznes". Chefredakteurin: Ewa Smeder, Krakow, ul. Swietokrzyska 12, Tel. (+48 12) 634 39 59, archibiz@bci.krakow.pl

Die bedeutendsten polnischen Architektenbüros:

Pracownia Budzynski/Badowski Architekci. Tel. (+48 22) 648 44 25)

Die Architekten dieses Büros sind Autoren der bei Ausschreibungen siegreichen Projekte, u.a. des Obersten Gerichts in Warschau, der Nationalbibliothek in Warschau, des Umbaus der Botschaft der Republik Polen in Berlin; das Büro hat neulich auch eine weitere/ neue Ausschreibung gewonnen, und zwar für das Projekt des Tempels der Göttlichen Vorsehung in Warschau.

JEMS-Architekci Sp. z o.o. Tel. (+48 22) 831 47 35

Das Büro hat vor kurzem einige Ausschreibungen gewonnen, u.a. für das Projekt des Ausbaus und der Adaptation des Sitzes der Gesellschaft "Agora" in Warschau; es erhielt auch den Hauptpreis für "die beste Mehrfamilienwohnanlage 1989-99" in der 3. Ausgabe des Wettbewerbs "Leben in Architektur"

Atelier Loeger Partnerzy.Tel. (+48 12 )634 48 48

Das Büro vereinigt Autoren von mehreren Projekten nichtkommerzieller Gebäude, u.a. der Ökonomischen Akademie in Krakau, des Ausbaus der Jagellonischen Bibliothek; das Büro wurde auch für den angesehenen Mies-VanderRohe-Preis für europäische Architektur für das Projekt des Bestattungshauses "Das Tor zur Stadt der Verstorbenen" in Krakau nominiert.

Pracownia Stanislawa Niemczyka. Tel. (+48 32) 217 62 57

Das Büro konzentriert sich hauptsächlich auf Kirchenprojekte und ist erfolgreich bei Ausschreibungen; z.B. das Projekt der Kirche der Barmherzigkeit Gottes in Krakau erhielt bei der 3. Ausgabe des Wettbewerbs "Leben in Architektur" den Preis des Nationalen Seelsorgers der Künstler.

APA Kurylowicz. Tel. (+48 22) 616 37 96

Das Büro gewann mehrere Architekturausschreibungen, u.a. für das Projekt der Residenz des Botschafters der Republik Südkorea in Polen, das Projekt des Bürohauses Nautilius in Warschau, das Projekt des Computerzentrums Hektor in Warschau.

2001
 

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